“Daydreams – true or false” #Kapitel 9

Ihr Lieben,

ich habe ds 9. Kapitel noch mal halbiert, da dort einfach viel zu viel passiert und ihr sonst morgen noch nicht mit lesen fertig seid. Dadurch wird die Situation auch nicht ganz so peinlich, wie ich es erwartet hatte. Der Clou verschiebt sich also noch um eine weitere Woche und nein, ich mache das nicht um euch zu quälen ^^ Viel Spaß mit dem neuen Kapitel meiner Romantasy Novelle „Daydreams“ ;-P

Kapitel 9

Nach Luft ringend erwachte Lillian. Im nächsten Augenblick bemerkte sie, dass sie nicht allein in ihrem Zimmer war. Ehe sie darauf reagieren konnte, presste sich eine Hand auf ihrem Mund.

„Psst“ zischte eine Stimme ganz nah an ihrem Ohr. „Ich nehme jetzt meine Hand weg, aber du darfst nicht schreien, deine Eltern müssen nicht munter werden!“ Lillian schaute beinahe panisch. Sie hörte, wie er tief durchatmete. „Okay, ich bin‘s, Ash. Ich kann dir alles erklären, vertrau mir!“ Nach einem Augenblick, der ihm wie eine Ewigkeit vorkam, nickte sie.

Er zog seine Hand von ihrem Mund und sie japste. Ihre Lungen schrien immer noch nach Luft und sie konzentrierte sich voll und ganz darauf diesem Defizit nachzukommen.

Ash sah sie aufmerksam an und wartete, bis er aufs Neue ihre Aufmerksamkeit hatte. „Was machst du hier?“ krächzte sie. „Das ist … – du bist in meinem Zimmer!“ Sofort legte er einen Finger auf ihre Lippen. Ihr Herz raste, sie wollte sich einen Reim auf alles zu machen, aber alles fühlte sich träge an. Unwirsch schob sie seine Hand weg und versuchte sich aufzusetzen. Er schüttelte den Kopf. „Du bist zu schwach. Er, Dorian hat dir ziemlich zugesetzt. Wenn du mir zuhörst, erkläre ich es dir, so gut es geht. Aber du darfst nicht laut werden. Ich kann dir helfen, wenn du mich lässt.“ Beschwörend fixierte er sie.

Stockend nickte sie. Was blieb ihr auch anderes übrig. Lillian merkte, dass sie keine Energie mehr hatte. Wenn es ihr schon nicht gelang sich aufzusetzen, dann konnte sie sich auch nicht zur Wehr setzen. Davon abgesehen würde sie einiges dafür geben, wenn ihr endlich jemand diese verdammte Traumgeschichte erklären könnte. Wut und Entrüstung machten sich in ihr breit.

Ash hatte es bemerkt und wertete ihre Reaktion als Zustimmung. „Du willst bestimmt wissen, was das alles zu bedeuten hat. Sei nicht ungeduldig, ich versuche es dir von Anfang an zu erklären, aber damit du es verstehst, muss ich etwas weiter ausholen.“ Er setzte sich etwas bequemer hin, ungeachtet dessen, das es ihr unangenehm sein könnte, mitten in der Nacht einen Fremden auf ihrem Bett sitzen zu haben.

„Weißt du, was ein Sukkubus oder Inkubus ist?“ Lillian runzelte die Stirn. Sie drehte den Kopf und schaute auf ein Buch auf ihrem Nachttisch. Es war Goethes „Faust“. Sie erinnerte sich, dass sie in der Schule über den Auftritt des Mephistopheles und die Bedeutung des Incubus gesprochen hatten. Ash seufzte erleichtert. „Genau. Es sind Dämonen der Nacht. Es gibt verschiedene Überlieferungen, sicher ist, dass sie sich sowohl im Traum, als auch in der Realität mit Menschen paaren können. Also, äh, Sex haben. Im Mittelalter ging man davon aus, dass sie den Menschen die Seele raubten und dem Teufel übergaben, aber das stimmt nicht. Sie können ihnen aber die Energie entziehen – im schlimmsten Fall bis zum Vergehen des Menschen, was biologisch seinen Tod bedeutet.“ Er räusperte sich. „Ich weiß, dass du mir das nicht glauben wirst, aber es gibt sie wirklich und, ähm, Dorian ist so etwas in der Art. Also, er ist der Sohn einer solchen Sukkubus und hat bestimmte Fähigkeiten, wie das Eindringen in Träume. Und er kann seinem Opfer Energie entziehen, aber dazu muss die Verbindung sexuell aufgeladen sein.“ Während er eine kurze Pause machte und nach den richtigen Worten suchte, hatte Lillian genügend Kraft gesammelt und setzte sich aufrecht in ihr Bett, die Knie angezogen. „Warum ich?“ fragte sie schlicht.

Ash schaute verwirrt. „Du glaubst mir?“ Lillian zuckte nur mit den Schultern, verzog dabei aber schmerzverzerrt das Gesicht.

„Ich habe seit ca. 3 Wochen diese blöden Träume und mir will keine logische Erklärung einfallen. Ich meine: jede Nacht?“ Gedankenverloren schaute sie aus dem Fenster. „Niemals hätte ich das für möglich gehalten. Aber wenn du die Sache beenden kannst, will ich dir alles glauben! Wie bist du eigentlich in mein Zimmer gekommen?“

„Durch das Fenster“ sagte er, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Lillian hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. „Und weiter? Warum ich?“

Dieses Mal überlegte Ash etwas länger und wählte seine Worte sorgfältig. „Du musst wissen, diese dämonischen Wesen gibt es überall auf der Welt und sie sind durch und durch bösartig. Diese Sukkubus, von der ich sprach, war etwas Besonderes; sie verliebte sich in einen Menschen und gab alles auf, was ihrem Wesen entsprach.“ Er verstummte, als wäre er in Gedanken ganz wo anders. „Weißt du, sie war die liebevollste Mutter, die man sich vorstellen konnte.“ Dann schüttelte er den Kopf, als würde er sich von der Erinnerung befreien müssen. „Wie auch immer. Dorian entwickelte frühzeitig negative Neigungen und labte sich an der Energie anderer Kinder. Als er älter wurde, spezialisierte er sich auf ahnungslose Mädchen. Irgendwann genügte es ihm nicht mehr, in ihren Träumen rumzuspuken oder Energiefetzen zu stehlen und er begann sie zu töten.“ Lillian sah das Grauen in seinen Augen. „Und ich sollte die Nächste sein?“ Ash blickte sie traurig an und hob die Hand, als ob er sie zum Trost berühren wollte, überlegte es sich aber anders. „Ja, du warst sein nächstes Opfer. Frag mich nicht, wie er die Mädchen auswählt. Ich folge ihm seit einiger Zeit, konnte ihn aber bisher noch nicht davon abhalten. Durch die ganze Energie ist er ganz schön stark geworden“, fügte er bedauernd hinzu.

„Und was hast du mit der ganzen Sache zu schaffen?“ Lillian war von der Geschichte mittlerweile so in den Bann gezogen, dass sie völlig vergaß, wie merkwürdig es war, sich mitten in der Nacht mit einem Fremden in ihrem Schlafzimmer zu unterhalten.

Ash zog sich ein Stück von ihr zurück und rutschte unruhig auf der Bettkante hin und her. Scheinbar war ihm die Geschichte unangenehm. Sein Blick fixierte ihre Augen. „Ich bin sein Bruder.“

Stille kehrte ein. Dann riss Lillian erstaunt die Augen auf. „Raus!“ zischte sie.

„Bitte, lass mich erklären!“

„Raus aus meinem Zimmer, du Ungeheuer!“

Ash rührte sich nicht und machte keine Anstalten sie zu verlassen.

„Ich sagte…“

Ash hob eine Hand und brachte sie damit überrascht zum Schweigen. „Denkst du wirklich, ich habe dich vor dem Schwein gerettet, damit ich mich jetzt an dir vergehen kann“, fragte er verbittert. Nun hatte er wieder ihre vollste Aufmerksamkeit. „ich will ihm endlich das Handwerk legen! Und, nebenbei gesagt, du hast gar keine andere Wahl, als mir zu vertrauen, denn irgendwann WISRT du wieder einschlafen“, erklärte er voller Nachdruck.

Eine Weile sahen sie sich schweigend an. Ash wartete geduldig darauf, dass sie ihre Optionen durchging. Lillian hatte Angst, das verstand er voll und ganz, aber wenn er sie nicht überzeugen konnte, würde sie sterben; er hatte es so satt. Jahrelang hatte er seinem Bruder dabei zugesehen, wie er sich an unzähligen Mädchen vergriff, aber er hatte nicht den blassen Schimmer, was er gegen ihn unternehmen sollte. Warum er sich ausgerechnet bei Lillian offenbarte, wusste er selbst nicht.

Offenbar war sie zu einem Entschluss gekommen. „Was schlägst du vor?“ Sie ist so mutig. Noch nie war er einem derart mutigen Mädchen begegnet. Vielleicht war es ja das, was ihn dieses Mal handeln ließ.

„Ich weiß es nicht.“

„WAS?“

„Scht! Nicht so laut!“ zischte er beschwichtigend. „Ich hab so etwas noch nie gemacht, okay!?“

„Wie meinst du das?“

Ash fuhr sich unbewusst durch seine tiefschwarzen Haare. Lillian fiel auf, dass sie sich bisher noch nicht die Zeit genommen hatte, ihn in Ruhe anzusehen. Naja, gestand sie sich ein, wenn ich ehrlich bin, habe ich mich in letzter Zeit nur mit dem umwerfenden Aussehen von Dorian beschäftigt. Bitterkeit erfasste sie und sie musste schluchzen.

Ohne zu überlegen rutschte Ash auf sie zu und nahm sie in den Arm. Unbewusst schlang Lillian ihre Arme um ihn und ließ sich von ihm trösten.

Keiner von ihnen sagte etwas. Still lag Lillian in seinen Armen und hatte das Gefühl, dass diese Position wie für sie gemacht war. Es gab keine Ecken oder Kanten, die sie störten, es war ihr nicht einmal unangenehm. Da fiehl ihr ein, dass er ja ebenfalls Dämonenblut in sich trug und rückte von ihm ab. Seine grauen Augen musterten sie sorgenvoll, aber er schwieg. Verlegen wischte Lillian die Tränen weg.

Ash brach als erster das Schweigen. „Was ich sagen wollte ist, dass ich meine Kräfte fast noch nie eingesetzt habe. Ich habe gelernt, wie ich sie nicht aus Versehen benutze und bin auf Nummer sicher gegangen, in dem ich die Menschen im Allgemeinen meide. Doch nun, wie soll ich es sagen, also, ich kann nicht mehr länger mit ansehen, was Dorian den Unschuldigen antut!“

Da dämmerte es Lillian. „Du warst das in der Geisterbahn. Jetzt verstehe ich das. Und deshalb hast du ihn auch im Park angegriffen! Aber warum warst du damals in der Gasse?“

Ash schüttelte verzweifelt den Kopf und fuhr sich wieder durch die Haare. Mittlerweile sahen sie ziemlich zerstrubbelt aus, wie Lillian zufrieden feststellte. Irritiert über ihre Reaktion runzelte sie die Stirn.

„Das weiß ich nicht so genau. Ich wollte sehen, wen er sich dieses Mal ausgesucht hat und, naja, irgendwie dachte ich, dass ich dich warnen könnte, aber ich wusste eigentlich gar nicht so genau wie. Plötzlich stand ich dann vor dir, als ob sich meine Beine selbstständig gemacht haben.“ Nachdenklich strich er mit der Hand über die Bettdecke und vermied es sie anzusehen.

„Die einzige Lösung, die mir einfallen würde, ist, ihn mit den eigenen Mitteln zu schlagen.“

„Und wie stellst du dir das vor?“ Lillians Augen folgen der Hand, die auf dem Laken Kreise malte. Auch wenn sie sich selbst nicht verstand, wünschte sie sich, sie wäre das Laken. Ob das wohl etwas mit dieser Sukkubus-Sache zu tun hatte?

~*~

„Dir wird das wahrscheinlich nicht gefallen, aber du musst wieder einschlafen.“

Lillian schloss die Augen und atmete erstmal tief ein. Das konnte er doch nicht…, oder doch? Konnte er das von ihr verlangen? Sollte SIE sich darauf einlassen? Ohne sich dessen bewusst zu sein, vergrub sie ihr Gesicht zwischen den Knien und schlang die Arme um die Beine. Sie zählte, von 20 rückwärts. Wenn sie die Augen öffnete, würde das alles vorbei sein, Ash wäre nicht mehr auf ihrem Bett.

Etwas berührte ihren rechten Arm. Erschrocken fuhr sie hoch und musste enttäuscht feststellen, dass Ash immer noch neben ihr saß. Sie schuldete ihm eine Antwort.

„Was muss ich tun? Ich meine, falls ich tatsächlich einschlafen sollte?“

„Dann kommt der knifflige Teil. Vertraust du mir?“

Der hatte vielleicht Nerven! Frustration und Erschöpfung ließen sie schnauben. Wenn er Recht hatte, würde sie sterben. Auch wenn der Gedanke absolut irrwitzig war. Nie im Leben hätte Lillian solche Gedanken gehegt. Ein Sukkubus, Halbdämonen, die in Träumen wandeln, Tod durch – was? Durch Energieentzug! So ein Schwachsinn. Doch leider schien die Geschichte schon so unglaubwürdig, dass sie nur wahr sein konnte. Sie war so müde und wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder eine Nacht in Ruhe durchzuschlafen! Widerwillig gab sie sich einen Ruck. „Also schön. Wenn ich dir vertraue, wird was passieren?“

Ash rutschte ein Stück näher, seine Antwort war nicht mehr als ein Flüstern. „Hör mir gut zu und heb dir deine Fragen für später auf. Ich habe das noch nie gemacht, aber theoretisch habe ich die gleichen Fähigkeiten wie mein Bruder. Wir sind nämlich Zwillinge also zweieiige, aber das betrifft, glaube ich, nur das Äußere. Wie auch immer, was ich sagen wollte ist, dass ich auch durch Träume wandeln kann. Ich, ähm, bin darin aber nicht so geübt, daher müssen wir uns was einfallen lassen. Wenn das aber klappt, können wir ihm zu zweit gegenüber treten. Man kann ihm die Energie, die er geraubt hat, entziehen. Weiter weiß ich selbst nicht, aber ich würde es versuchen. Denn die andere Möglichkeit kennst du.“

„Hm.“

„Wie ‚hm‘?“

„Ich habe das Gefühl, dass du mir etwas verschweigst.“

Ash nickte. Lillian machte sich auf alles gefasst. Was sollte denn noch schlimmer sein als diese unausgegorene Traumtheorie?

Im Mondlicht sah es so aus, als würde Ash erröten. Sie musste sich täuschen.

Allerdings hatte Ash gerade einen Gesichtsausdruck, wie ein kleiner Junge, als wäre er von seiner Mom mit einem Playboy erwischt worden.

„Nun sag schon, was kann denn noch schlimmer sein?“

„Raste jetzt nicht aus, okay!?“ Wie um das Geständnis noch weiter hinauszuzögern, wartete er auf eine Reaktion von ihr. Sein Verhalten brachte sie langsam auf die Palme.

„Was soll‘s. Wie ich schon sagte, hab ich weder das Training noch genügend Energie um das zu tun, was Dorian mit dir anstellt. Du weißt ja, dass Inkubi und Sukkubi Dämonen sind, die sich auf den, äh, körperlichen Kontakt spezialisiert haben.“ Lillian verdrehte die Augen. „Menschenskind, ich bin nicht so prüde, wie du denkst. Was ist denn jetzt das Problem?“

Ash stöhnte innerlich auf. Sie würde ihn sowas von hassen! „Wenn ich dir helfen und in deinen Traum eindringen soll, dann muss ich dir körperlich nahe sein.“

Sie sah ihn entgeistert an. „Du musst was?“

Er hatte es gewusst. „Da ich dir keine Energie entziehen will, muss ich sie mir auf einen anderen Weg holen. Sexuelle Energie ist dabei die ungefährlichste Variante. Für uns beide“, fügte er hastig hinzu.

Lillian entfuhr ein hysterisches Lachen. „Muss ich mit dir schlafen?“

Ash schüttelte traurig den Kopf. „Nein, aber ich muss dich berühren und… also, das Problem dabei ist, dass du mir genug vertrauen musst, dass es dir auch gefällt. Es ist schließlich deine sexuelle Energie, die ich brauche. Du nimmst dabei keinen Schaden. Tatsache ist aber, dass nicht ich Spaß an dir habe, sondern du diejenige bist, die es genießen muss.“ So, jetzt war es raus. Ihm war das furchtbar peinlich, aber mehr als abweisen konnte sie ihn nicht.

Nicht im Traum wäre ihm eingefallen, was nun in Lillians Kopf für Bilder entstanden. Unweigerlich musste sie sich vorstellen, wie sie mit geschlossenen Augen schutzlos auf ihrem Bett lang und dieser Fremde mit den traurigen grauen Augen sie bedächtig liebkoste. Seine Lippen, die Zentimeter für Zentimeter…

Sie stöhnte. Lillian hatte gar nicht gemerkt, dass sie tatsächlich die Augen geschlossen hatte, oder dass sie mit der Rechten vom Bauch über ihre Brust gefahren war und nun ihre Kehle umklammerte. Schockiert blinzelte sie einige Male und wurde feuerrot, als sie Ashs zufriedenes Gesicht bemerkte. Ihre Veränderung war ihm nicht entgangen.

„Äh, hähä“, räusperte sie sich peinlich berührt. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Oder hätte sich als Mäuschen in einem finsteren Loch verkrochen. Hilfe, was soll er nur von mir denken?

Ash lächelte ihr vertrauenerweckend entgegen. „Gut, das hätten wir schon mal. Hast du noch Fragen?“

Mindestens 1000, dachte sie. Der Plan war eine Katastrophe. Nie im Leben würden sie das schaffen. Vorausgesetzt, dass die Geschichte überhaupt wahr ist. Auch wenn sie bereitwillig alles auf sich genommen hätte, hegte sie dennoch erhebliche Zweifel. Doch etwas Besseres fiel ihr auch nicht ein, also schüttelte sie den Kopf und verschwand wieder unter der Bettdecke.

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1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

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“Daydreams – true or false” #Kapitel 8

Ihr Lieben, die Novelle neigt sich langsam dem Ende entgegen. Das nächste Kapitel ist ein etwas kurzes Zwischen-Kapitel, ein intermezzo, könnte man fast sagen. Dafür gibt es nächste Woche dann reichlich Erotik und, naja, der Kampf beginnt ;-?

Kapitel 8

Die Träumerin wurde heftig zu Boden geschleudert. Dieses Mal hatte sie keine Zeit sich zu orientieren, denn vom ersten Moment an drang ihre Umwelt feindselig auf sie ein. Ein eiskalter Luftzug stach ihr in die Nase, Blätter begannen ihr ins Gesicht zu klatschen.

Ohne nachzudenken rannte sie los; hielt lediglich ihre Arme schützend vor sich gestreckt; um zu versuchen, den richtigen Weg zu finden. Sehen konnte sie nichts.

Mehrmals fiel sie hin, schlug sich die Knie auf; ihre Hände waren nach wenigen Minuten von Blättern und Ästen zerschnitten.

„LIEBST DU MICH DENN NICHT, kleine Lillian?“ brüllte ihr eine Stimme entgegen, die sie mittlerweile einordnen konnte. Es war Dorians Stimme. Nur wenige Stunden zuvor hatte sie ihr noch neckend ins Ohr geflüstert. Jetzt bereitete diese nur noch Schrecken.

Die Träumerin wurde sich zum ersten Mal bewusst: Sie war keine Unbekannte, die durch ein Labyrinth stolperte, sondern Lillian Edelius und dies war nur ein Traum! Ein Traum, sagte sie sich. In den vorangegangenen Nächten hatte sie sich doch bestimmt auch verletzt, war aber immer ohne Schäden aufgewacht. Warum sollte sich das jetzt ändern?

Von der Stimme verfolgt kam sie diesmal an einer anderen Stelle des Labyrinths an. Nämlich in einer Sackgasse. Nein! Sie drehte sich um, und bemerkte, dass der Blättersturm auf sie wartete. Es gab kein Entkommen. Da bemerkte sie, wie aus den Blättern eine Gestalt trat. Sie war nicht wirklich körperlich, aus Fleisch und Blut, wenn man das in einem Traum überhaupt sein kann. Die Person war etwas größer als sie, irgendwie männlich gebaut und bestand nur aus Blättern. Dort wo ihr Gesicht sein sollte, schauten zwei braune Augen aus dem Grün. Dorians Augen.

Wie gelähmt stand sie da und starrte dem Blätterwesen ungläubig entgegen, welches unbeirrt auf sie zu kam. Ihr Verstand war damit beschäftigt, der Situation, in der sie feststeckte, einen Sinn zu geben. Im nächsten Moment packte eine Blätterhand ihre Kehle und zog sie ganz dicht an sich heran. „Was ist los, meine Kleine, gefalle ich dir nicht mehr?“ fragte das Wesen boshaft. Lillian musste unweigerlich darüber nachdenken, wie das Ding vor ihr überhaupt sprach. Direkt in ihren Kopf? Aber sie war doch schon im Traum. Wenn sie bedachte in welcher Gefahr sie sich befand, verlor sie wahrscheinlich gerade den Verstand.

Seine Hand schloss sich noch fester um ihren Hals und drückte zu, bis sie nur noch Sterne sah. Das ist dann das Ende, dachte sie, gleich wache ich auf.

Anstatt aufzuwachen, fühlte sie den Schmerz ihrer ausgezehrten Lungen. Ihr Körper hatte keine Reserven mehr und sie spürte, wie das Leben sie buchstäblich verließ. „Wach auf“ schrie es in ihr, „komm schon, gib ihm nicht nach“. Wieso nicht? Es wäre so einfach. Sie musste sich nur ergeben, dann würde sie wie jede Nacht schweißgebadet aufwachen. Gleich ist es vorbei!

„Nein!“ rief die Stimme in ihrem Kopf barsch. „Wenn du jetzt aufgibst, bist du verloren. WACH AUF!!!!“ Lillian riss ihre Augen auf. Da WAR eine Stimme in ihrem Kopf. Augenblicklich begann sie zu zappeln und griff mit den Händen nach dem Schraubstock der ihr die Luft abdrückte und trat um sich. Hilf mir! schickte sie als Bitte auf den Weg zu der Gedankenstimme, wem auch immer sie gehören mochte. „Halt dich an mir fest“ befahl diese. Lillian klammerte sich an den Gedanken, konzentrierte sich auf die Stimme, als wäre sie ein Licht am Ende des Tunnels und versuchte auf dieses Licht zuzugehen. Die Bilder um sie herum verschwammen, aus der Ferne nahm sie noch ein ungehaltenes Brüllen wahr, dann herrschte nur noch Dunkelheit.

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4. Kapitel

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6. Kapitel

7. Kapitel

“Daydreams – true or false” #Kapitel 7

Ihr Lieben,

pünktlich zum Freitag (mit Pünktlichkeit stehe ich ja ein wenig auf dem Kriegsfuss, Klappstuhl ausgegraben usw.) das neuste Kapitel meiner romantasy Novelle „Daydrems“. Viel Spaß damit!

Kapitel 7

Zuhause angekommen war Lillian hundemüde. Einzig die Aussicht auf das Wiedersehen mit Dorian ließ sie ihre Augen offen halten. Schnell packte sie ein paar Sachen zusammen, die sie über Nacht und am nächsten Tag brauchte und dann war sie auch schon wieder auf dem Weg. Mittlerweile war es kurz nach 18 Uhr und es dämmerte bereits.

Dorian erwartete sie in einem kleinen Park ganz in der Nähe von Junes Haus. Sie hatten sich das so ausgemacht, damit Lillian vielleicht noch einige Fotos machen konnte. Ihr wurde warm ums Herz, wenn sie daran dachte, wie zuvorkommend Dorian sich verhielt. Um diese Zeit war zum Glück nicht mehr viel los, die Familien waren zum Abendessen heimgekehrt, die Studenten verabredeten sich für eine Kneipe oder saßen in der Bibliothek und die jugendlichen Rumtreiber und Pärchen würden erst in den späteren Abendstunden auftauchen. Das verschaffte den beiden jede Menge Zeit, sich endlich näher zu kommen!

Den Park hatte sie eher intuitiv gewählt. Seitdem sie mit sich mit June und Christa angefreundet hatte, wurde der Park zu ihrem geheimen Treffpunkt. Lillian verband unzählige schöne, aufregende und komische Erinnerungen mit ihm und sie wollte das unbedingt mit Dorian teilen. Eigentlich war er nur ein ganz normaler Park: es gab Rasenflächen, verschiedene Baumarten, Bänke, einen kleinen Spielplatz und ein Ententeich mit einer geschwungenen Brücke darüber. Sie war sich unsicher, ob Dorian erkennen würde, was für ein besonderer Ort das für sie war und ob sie beide dort ebenfalls wundervolle Stunden verbringen könnten. In der Tat mochte sie die Idee, dass dies ebenso der Ort sein könnte, an dem sie sich zum ersten Mal küssten.

Ganz aufgeregt von ihren Gedanken schritt Lillian schneller und als die Dorian an der verabredeten Stelle entdeckte, flog sie ihm beinahe in die Arme. Ihre Tasche und der Rucksack waren dabei achtlos im Gras gelandet. Sogleich schloss Dorian sie in die Arme und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Wie gut sich das anfühlte! Ich glaube, er ist wirklich der Richtige! Sie hatte ihr Gesicht fest an seinen Hals gedrückt und atmete ein paar Mal tief durch. Wie gut er riecht, dachte sie und wünschte sich der Moment würde ewig bleiben. Sie löste sich leicht von ihm, um sein Gesicht besser betrachten zu können. Seine Augen hatten einen versonnenen Ausdruck und diese wundervollen Lippen waren mal wieder spöttisch verzogen, was ihr ziemlich gut gefiel. Wenn er sie so spöttisch angrinste, hatte er einen verwegenen Zug an sich, als stecke in dem Sunnyboy ebenfalls eine ordentliche Portion Badboy. In ihrem Magen flatterten die Schmetterlinge fröhlich vor sich hin.

Ihr Verhalten bestätigte seine geheime Vermutung und er fuhr fort. Langsam beugte er sich vor und küsste sanft, aber bestimmt ihren Hals. Dabei schob er seine rechte Hand in ihr Haar und massierte mit dem Daumen die empfindliche Region hinter ihrem Ohr. Ihr Atem zitterte. Er spürte, dass sie sich Stück für Stück in Wachs verwandelte und bereit war, sich ihm hinzugeben. Seine Küsse wanderten über ihr Kinn und machten an ihrem Mundwinkel eine kurze Pause, als ob seine Lippen sich noch überlegen müssten, ob sie sich erst der oberen oder der unteren Mundpartie widmen wollten. Lillian seufzte tief an seinem Mund. Ihre Augenlider flatterten, öffneten sich und sie blickte ihn voller Erwartung an. „Küss mich“ sagten diese Augen fast schon vorwurfsvoll.

Dorian lachte leise. Sie spürte seinen Atem erregend auf ihrer Haut. Mach schon, bat sie ihn innerlich und drängte sich mit ihrem ganzen Körper an ihn. In den letzten Tagen hatte sie so viel Sehnsucht nach ihm entwickelt, dass sie es kaum noch aushielt länger hingehalten zu werden. Sie wollte ihren Märchenkuss, jetzt! Deshalb beschloss sie die ganze Sache einfach selbst in die Hand zu nehmen. Sie stellte sich ein wenig auf die Zehenspitzen, vergrub beide Hände in seinen Haaren und zog seinen Kopf immer näher zu sich heran.

Dorian fand ihre Ungeduld offenbar ziemlich amüsant, denn er streifte nur kurz ihre Lippen und hauchte einen sanften Kuss darauf; danach nahm er ihre Hände in die seinen und küsste zärtlich jeden einzelnen Finger, wobei er sie aufmerksam ansah.

„Dorian!“ drängelte sie. „Was machst du denn mit mir?“

„Nichts, meine kleine Träumerin. Ich will nur, dass du das richtig genießen kannst!“ Während er ihr weiterhin in die Augen sah, fuhr er ihr mit den Händen die Arme hoch zu ihren Schultern und umfasste mit leichtem Druck ihren Hals. Sie wand sich genüsslich. Mit der Rechten ging er auf Erkundungstour, die Finger streiften zunächst ihren Ausschnitt, dann fanden sie ihre zarte Brustwarze und kneteten sie fordernd. „Gefällt dir das, Träumerin, willst du mehr davon?“

„Ja“ erwiderte sie leise. Zu mehr als einem Flüstern war sie nicht mehr in der Lage. Ihr Körper sang unter seinen Händen, nur der Kuss fehlte. Was würde sie dafür geben, wenn sie endlich ihm gehören könnte! „Küss mich, bitte!“

„Ach, das willst du“ neckte er sie und knabberte an ihrem Ohrläppchen. „Einen Kuss bekommt aber nicht jede von mir!“

„Hm?“ Sie war kaum noch Herrin ihrer Sinne. In ihrem Kopf drehte sich alles; was gab es denn da noch zu diskutieren? Er wollte sie doch auch, oder nicht!?

Er nahm ihren Kopf zwischen seine großen Hände und streichelte ihre Wangenknochen. „Du bist etwas Besonderes, weißt du das?“ dabei strich er ihr eine Haarsträhne sanft aus dem Gesicht, damit er sie ungehindert betrachten konnte. Mit quälender Langsamkeit küsste er sie und saugte an ihrer Oberlippe. „Etwas ganz Besonderes. Ich habe dich gesucht, weißt du?“

„Ja“, flüsterte sie.

„Und weißt du auch warum?“ Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, ihre Sinne konzentrierten sich voll und ganz auf seine wundervollen süßen Lippen. „Damit ich das hier mit dir teilen kann!“ Endlich kam der Kuss. Es durchfuhr sie wie ein Stromschlag, das Atmen vergaß sie völlig. Wenn er sie nicht festgehalten hätte, wäre sie auf dem Boden gelandet, denn ihre Beine versagten ihren den Dienst. Lillian merkte überhaupt nicht, dass sich ihre Finger in seine Oberarme und Schultern krallten. Dieser Kuss war das Unglaublichste, was ihr je wiederfahren ist. Sie spürte, wie die Energie durch ihren Körper zog und eine Explosion in ihrem Unterleib verursachte. Wenn sie Zeit gehabt hätte darüber nachzudenken, wäre ihr klar gewesen, dass sie drauf und dran war sofort ihre Unschuld zu verlieren. Wenn er wollte – in diesem Moment hätte sie alles für ihn getan.

Er hielt kurz inne und ihr fiel ein, dass sie die Zeit nutzen könnte, um ihre Lungen mit lebenswichtigem Sauerstoff zu füllen, auch wenn ihr das persönlich gerade gar nicht so wichtig war. Dorian hielt sie fast in seinen Armen und musterte sie zufrieden, als wäre sie das schönste Geschöpf auf der Welt. „Liebst du mich, Lillian?“

Lillian blickte etwas unsicher zu ihm auf. Sie hatte gehört, dass man einem jungen Mann nicht gleich erzählte, was man für ihn empfand. Stattdessen schaute sie ihm einfach nur tief in die Augen und hoffte, dass ihm dies Antwort genug wäre. Außerdem brannten ihre Lippen und fieberten dem nächsten Kuss entgegen.

Doch so leicht ließ er sich nicht davon abbringen. „Sag es mir, liebst du mich?“ wobei seine Stimme einen drängenden Ton angenommen hatte. Lillian hatte sich ausschließlich auf seinen süßen Mund konzentriert und hätte ihm im Zweifelsfall alles gesagt, nur damit sie wieder in einem Kuss versinken konnte. Aber irgendetwas nagte an ihrem Unterbewusstsein. Warum bestand er darauf, dass… Es wurde ihr schlagartig bewusst: die Träume. Die Stimme, es war dieselbe! Sie erschrak, aber Dorian ließ ihr keine Zeit zu reagieren. Gierig presste er seinen Mund auf den ihren und küsste sie noch heftiger. Seine Zunge drängte sich zwischen ihre Zähne und Lillians Lungen hatten noch nicht verstanden, dass es mit dem Atmen wieder vorbei war. Sie versuchte sich zu wehren, aber ihre Arme wurden immer schwerer, im Kopf herrschte ein einziges Dröhnen; sie konnte ihm keinen Wiederstand leisten. Irgendwas läuft hier falsch, renn einfach weg, schrie eine intakte Zelle in ihrem Kopf.

Ehe sie völlig zusammenbrach, war es plötzlich vorbei und Dorian war nicht mehr da, seine Lippen nicht mehr auf den ihren. Sie strauchelte und ehe sie merkte, was passiert war, landete Lillian auf den Knien im Rasen. Mit beiden Armen abgestürzt fing ihr Körper an das zu tun, was ihr Gehirn scheinbar vergessen hatte. Ihre Lungen brannten und sie schnappte nach Luft. Sie rang nach immer mehr Atem, bis ihr schwindlig wurde. Erschöpft rollte sie sich zur Seite, froh über den kühlen Boden, der ihr Halt gab.

Erst jetzt bemerkte sie, was überhaupt passiert war. Dieser Junge aus der Gasse, der nun bei ihrer Mom arbeitete, hatte scheinbar Dorian angegriffen und sie prügelten sich ein Stück weiter weg von ihr.

Lillian verstand die ganze Situation nicht. Die beiden prügelten sich nicht wie zwei Jungen auf dem Schulhof, sondern hart und ohne Erbarmen. Ihr blieb nicht viel mehr übrig, als ihnen dabei zuzusehen, denn aufstehen konnte sie noch nicht. Am liebsten würde sie sich hinlegen und schlafen. Selbst aufrecht sitzen verweigerte ihr der Körper.

Die Heftigkeit des Kampfes erschreckte sie. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals so etwas live gesehen hatte. Im Kino vielleicht, aber als Zuschauer bekam man das alles gar nicht intensiv mit. Oder kam ihr das nur so vor? Allmählich dämmerte ihr, dass sie besser nicht bis zum Ende des Kampfes warten sollte. Denn egal wer die Oberhand behalten würde, ihre Sicherheit konnte keiner von beiden garantieren.

Die Angst trieb sie zu handeln. Zuerst kroch sie auf ihre Sachen zu, dann richtete sie sich vorsichtig auf. Okay, sie stand, immerhin! Ohne sich noch einmal umzudrehen, schlurfte sie mit vielen Pausen zu dem Haus von Junes Eltern. Zwischendurch hatte sie sich immer wieder über die Schulter geschaut, um sich zu vergewissern, dass niemand ihr folgte. Sie verschwendete keine Gedanken daran, ob einer der beiden verletzt sein könnte. Der eine stellte ihr offensichtlich nach, denn wie sonst sollte Ash so plötzlich aufgetaucht sein und Dorian hatte ihr richtig Angst eingejagt. Zum Schluss war er gar nicht mehr der liebe süße Sunnyboy. Nur was wollte er von ihr und warum war er am Ende so fordernd, beinahe brutal zu ihr gewesen?

 

June öffnete ihr die Tür und machte einen überraschenden Laut und nahm Lillian in den Arm. Lillian machte sich unterdessen keine Gedanken darüber, ob sie vielleicht zum fürchten aussah, sondern genoss einfach das Gefühl, mit June endlich wieder jemanden vertrauten um sich zu haben. Diese schleuste sie in ihr Zimmer, zog ihr die Schuhe aus und setzte sich mit ihr auf eine kleine Couch. Lillian ließ das alles über sich ergehen und erzählte ihr unterdessen die ganze Story. Nur das mit der Stimme aus dem Traum ließ sie aus, weil es ihr zu merkwürdig erschien. Dorian hatte sie bedrängt, dann kam Ash, den sie zuvor erst kennengelernt hatte und die beiden prügelten sich vielleicht immer noch. Ihr sollte es egal sein.

„Hat er dir was getan?“ fragte June vorsichtig.

„Ich, ich weiß es nicht. Er war dann auf einmal so fordernd. Und da war, ja, da war Schmerz. Ich glaube er hat mich ganz schön stark festgehalten.“ Lillian brach in Tränen aus. Diese Geschichte war einfach nur ein Alptraum! June versuchte sie so gut es ging zu trösten, dachte aber auch über die Konsequenzen nach. „Willst du ihn vielleicht anzeigen? Also Dorian? So wie du es erzählt hast, bekomme ich das ungute Gefühl, dass du nicht das erste Mädchen warst. Weißt du, wie ich das meine?“

Lillian nickte. Rückblickend ergaben Dorians Worte ein ganz anderes Bild. Jetzt wo ihr Körper sich nicht mehr nach seinen Berührungen sehnte, empfand sie eher eine Art Abscheu. „Einen Kuss bekommt nicht jede von mir“ – Wie hatte er das wohl gemeint? Und was ist mit den Frauen, die keinen Kuss bekamen? Wurden die dann nicht bedrängt? In ihrem Kopf überschlugen sich die Fragen.

„Ich weiß nicht, ob ich ihn deswegen anzeigen kann. Ich meine, ich habe es ja gewollt, dass er mich küsst. Die Polizei wird in diesem Fall nicht viel ausrichten. Und ich will das eigentlich nicht!“ Sie dachte nach. Junes Eltern waren am Nachmittag für zwei Tage weggefahren. Ihr Vater hatte irgendwo ein wichtiges Meeting. Sie würden also allein sein und Dorian wusste, dass June ihr das angeboten hatte. June wird das nicht gefallen, dachte sie.

„June, hör mir gut zu. Dorian weiß, dass ich heute bei dir übernachte und ich, ähm, fühle mich nicht ganz wohl bei dem Gedanken, dass wir zwei allein sind. Ich weiß dein Angebot zu schätzen – Nein, lass mich ausreden!“ June machte ein ärgerliches Gesicht. „Auch wenn dir das jetzt nicht gefällt, aber ich werde nach Hause gehen. Träume hin oder her, aber ich fühle mich besser, wenn ich meine Eltern in der Nähe habe. Es wäre aber auch für dich sicherer, wenn du nicht allein in dem Haus wärst.“

Die Freundin wurde nachdenklich. Lillian hatte nicht Unrecht, auch wenn ihr das nicht passte. „Gut, du hast Recht. Ich rufe Christa an. Aber wenn die Träume wieder kommen, finden wir eine Lösung! Verstanden!?“ Sie rief Christa an und packte ihr Schulzeug zusammen. „Okay, das geht klar. Ich bringe dich noch nach Hause.“

Sie liefen Arm in Arm, aber schweigend. Lillian überlegte sich, was sie ihrer Mom sagen sollte, weil sie ja nun doch nicht bei June übernachtete und June fragte sich warum dieses Schuljahr so chaotisch angefangen hatte. Das ganze Ausmaß von Lillians Träumen war ihr noch nicht ganz klar, aber erst kam dieser unglaublich gut aussehende Kerl in ihr Leben, dann stellte er sich als Arschloch heraus und in der Zeit war Lillian bereits zweimal in ihrer Gegenwart zusammengebrochen; das alles war zu merkwürdig, um nur ein Zufall zu sein. Auch wenn June für ihre Freundin gute Miene zum bösen Spiel machte, so überlegte sie insgeheim, ob sie und Christa nicht etwas unternehmen sollten. Lillian sollte das nicht alles mit sich allein ausmachen müssen!

„Kommst du zurecht?“

„Ja, danke!“ Lillian umarmte sie lange. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich gemacht hätte!“ Eine Träne lief ihr über die Wange und sie wischte sie rasch fort. „Meine Eltern müssen davon vorerst nichts wissen, ja?“

„Meinetwegen. Aber wenn was ist, rufst du an. Versprich es mir!“ Sie nickte. „Du hast recht. Das nächste Mal rufe ich gleich an. Ich meine, es wird mir bestimmt guttun, wenn ich eine vertraute Stimme höre.“ Bevor sie erneut in Tränen ausbrach, drehte sich Lillian rasch um und lief zum Haus. Auf dem Weg in ihr Zimmer steckte ihre Mom kurz den Kopf aus der Wohnzimmertür. „Planänderung. June lernt mit Christa, ich bin müde und werd heute früh zu Bett gehen. Nacht.“ Dass ihre Mom nach Dorian fragte, hörte sie bereits nicht mehr.

Mehr als eine heiße Dusche gab es an dem Tag nicht mehr. Ob sie Hausaufgaben auf hatte, wusste Lillian nicht mehr, aber es interessierte sie auch nicht. Wenn sie mit ihren Eltern geredet hätte, könnte sie sich vielleicht den nächsten Tag frei nehmen, aber das änderte wenig an ihrer Situation. Todmüde fiel sie in ihr Bett und hoffte inständig, dass sie in dieser Nacht von dem Traum verschont bleiben würde.

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“Daydreams – true or false” #Kapitel 6

Hm, einen Tag zu spät dran, aber hey, es ist Wochenende ^^ Viel Spaß mit dem 6. Kapitel meiner Romantasy Novelle „Daydreams“. ich freue mich wie immer über Anregungen und Kommentare!

Kapitel 6

Am nächsten Morgen rief die Polizei an. Lillian schlief noch und ihre Eltern übermittelten ihr die Informationen erst später. In der Geisterbahn ist niemand gefunden worden, allerdings konnten sie echte Blutspuren finden. Die Analyse lief bereits und man durchsuchte die Datenbanken.

Das konnte Lillian zwar ganz und gar nicht beruhigen, aber mittlerweile fühlte sie sich so ausgelaugt, dass sie von dem Sonntag nicht viel mitbekam. Ihre Eltern machten sich natürlich Sorgen, schoben es aber auf den Schock und ließen ihre Tochter weitestgehend in Ruhe. Einziger Lichtblick war das Gespräch mit Dorian, der sich liebevoll erkundigt hatte, ob es ihr gut gehe und sie am Montag nach der Schule abholen wollte.

Lillian fiel auf, dass sie wegen der ganzen Aufregung um Dorian und den sich überstürzenden Ereignissen immer noch keine Gelegenheit hatte, mit June und Christa über ihre Träume zu sprechen. Leider hatten sich diese immer noch nicht aufgehört und sie fühlte sich mittlerweile am Ende ihrer Kräfte. Dabei war es nicht nur der Schlafmangel, der ihr zu schaffen machte, sondern auch die emotionale Komponente. Ihre Weigerung schlafen zu wollen, raubte ihr fast den Verstand. Die letzte Nacht hatte sie schluchzend im Bett gelegen und einzig der Gedanke an Dorian ließ sie am folgenden Tag aufstehen.

Es war Montag und somit eine Woche her, seit dem sie Dorian das erste Mal getroffen hatte. Freudig erregt entschied sie sich trotz des tristen Wetters für ein Kleid und hoffte, dass sie heute endlich ihren Märchenkuss bekommen würde.

Der Schultag zog sich schleppend dahin, und mittlerweile merkten auch Christa und June der Freundin an, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie hatten sich zwar bereits am Sonntag telefonisch über den Vorfall ausgetauscht, aber trotzdem nicht damit gerechnet, dass das Lillian vom Schlafen abhalten konnte. Denn trotz des fröhlichen Outfits sah Lillian müde und abgekämpft aus. Auf Nachfragen hin erzählte Lillian ein wenig über ihre Träume.

Am Anfang konnte ich mich gar nicht erinnern. Aber der Traum kommt jede Nacht wieder und wird jedes Mal intensiver. Ich weiß einfach nicht mehr, was ich machen soll.“ Und zum ersten Mal, seit die Geschichte begonnen hat, gab sie öffentlich zu, wie sehr ihr das alles zusetzte. Sie fing an zu weinen und Christa nahm sie in die Arme.

Deine Eltern wissen also auch noch nichts davon?“

Lillian schüttelte den Kopf und schniefte. „Was hätte ich ihnen denn sagen sollen? Dass ich einen bescheuerten Traum habe, in dem mich der Wind jagt und mir meine Liebe abverlangen will? Das ist doch totaler Blödsinn!“ Sie schnäuzte sich und versuchte, such wieder zu beruhigen. Bis zu dem Zeitpunkt war ihr noch nicht klar, wie fertig sie das alles machte. „Was soll ich denn machen? Ich dachte, es legt sich mit der Zeit. Vor allem mit Dorian fühlte sich alles so neu an und wir hatten so eine schöne Zeit. Ich hoffe, dass ich bald nur noch von ihm träumen werde!“

Christa und June waren ratlos. Mit Alpträumen kannten sie sich überhaupt nicht aus und sie konnten sich auch nicht erinnern, wann sie das letzte Mal unliebsame Alpträume hatten. Christa kam eine Idee. „Was ist, wenn du es mit einem Traumdoktor versuchst?“

Das ist doch bescheuert“, rief June dazwischen, ehe Christa ihre Idee ausführen konnte. „Das ist doch was für komische Leute, die an so einen übernatürlichen Kram glauben. Da kannst du dir auch gleich eine Überweisung für den Seelenklempner holen!“

Lillian schluchzte. Die beiden hatten genau das auf den Punkt gebracht, was ihr selbst schon längst klar war. Mit großer Wahrscheinlichkeit konnte es nur etwas Psychisches sein.

Bin ich vielleicht verrückt?“

June starrte sie entsetzt an. „Natürlich nicht! Rede dir das jetzt nicht ein. Wir finden eine Lösung, versprochen!“ Sie fasste Lillian an den Schultern und sah ihr fest in die Augen. „Heute Abend schläfst du bei mir, verstanden?“

Lillian ergab sich dankbar in ihr Schicksal. Vielleicht würde es ihr tatsächlich helfen, wenn sie nicht allein schlafen musste. Oder sie würde ruhiger damit umgehen und sich geborgener fühlen. Es war auf jeden Fall besser, als allein wach zu liegen und sich mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Dieses ewige Nachdenken und Grübeln machten sie noch wahnsinnig!

Bis zum Abend standen allerdings noch einige Dinge auf der Agenda. Frau Edelius hatte ihrer Tochter das Versprechen abgerungen, dass diese sich nach der Schule im Fotoladen blicken ließ. Zwar gab sie Dorian keine Schuld an dem, was vorgefallen war, aber sie hatte es noch nicht aufgegeben, dass Lillian den neuen Mitarbeiter des Geschäfts kennenlernte. Kollegen ihrer Mom gehörten irgendwann fast zur Familie, warum also das Unausweichliche vor sich her schieben.

Mit Dorian würde sich Lillian erst am späten Nachmittag treffen. Die Schonfrist der ersten Woche war nun vorbei und die Hausaufgaben nahmen keine Rücksicht auf übernächtigte, verliebte Mädchen. Es blieb ihr also nichts anderes übrig, als noch einige Stunden auszuharren.

June schlug ihr vor, dass sie ihre Sachen einfach vor dem Date mit Dorian zusammenpackte und dann gleich mitnahm. So war nämlich auch gewährleistet, dass sich June alles brühwarm erzählen lassen konnte. Lillian hatte zwar den Verdacht, dass Christa dann ebenfalls ganz spontan vor der Tür stehen würde, aber darüber konnte sie sich Gedanken machen, wenn es so weit war.

An diesem Tag war es tatsächlich kühler als gedacht und Lillian beeilte sich mehr als sonst auf dem Weg. Der Schlafmangel trug sein Übriges dazu bei, dass ihr die nötigen Abwehrkräfte fehlten und sie fror. Sie war müde und abgekämpft und wollte eigentlich nur noch nach Hause. „Versprochen ist versprochen“ hörte sie jedoch ihre Mom in Gedanken sagen und so betrat Lillian völlig demotiviert und uninteressiert das Geschäft.

Zum Glück war kein Kunde anwesend und sie konnte direkt auf ihre Mom zugehen.

Hallo mein Schatz! Du siehst aber nicht gut aus.“ Sie umarmte ihre Tochter. „Und du bist ganz kalt. Du wirst doch nicht etwa krank, oder.“ Bevor Lillian ihr antworten konnte, wurde sie in den rückwärtigen Teil des Geschäfts bugsiert. „Hier muss doch irgendwo, ach, hier!“ Und ehe sie sich versah, saß Lillian in eine Decke gehüllt auf der Couch, die normalerweise für extravagante Shootings gedacht war. „Ich koch dir noch einen Tee, ja? Heute ist irgendwie gar nichts los.“ Auf dem Weg in die kleine Küchennische rief sie noch „Ash? Komm doch mal her, ich möchte dir meine Tochter vorstellen.“

Tat das gut, dachte Lillian gerade. Trotz ihrer 17 Jahre fühlte es sich immer toll an, wenn man sich einfach mal wieder in die schützenden Hände der Eltern begeben konnte. Diese Sicherheit nahm allerdings von einem Moment auf den anderen drastisch ab. Plötzlich stand der besagte Ash Horváth vor ihr und er war ihr kein bisschen unbekannt.

Es war der Typ aus der Gasse. Dieser merkwürdige Kerl war mir doch in die Gasse gefolgt. Aber was hatte er dort eigentlich gewollt? In den letzten Tagen war so viel passiert, dass Lillian mit keiner Silbe mehr an diese Begegnung gedacht hatte. Statt etwas zu sagen, starrte sie ihn mit leicht geöffnetem Mund ungläubig an. Ash schien es ebenfalls nicht an einem Gespräch gelegen zu sein. Stattdessen blickte er finster drein, auch wenn Lillian bezweifelte, dass er sich genauso unwohl fühlte, wie sie.

Dem gegenseitigen Anschweigen machte Frau Edelius ein Ende, als sie mit einer Tasse Tee aus der Küche kam und anfing die beiden miteinander bekannt zu machen.

Ash, das ist meine Tochter Lillian.“ Er nickte finster. „Lillian, das ist Ash Horváth, bis auf Weiteres unsere neue Aushilfe, da Millie ja im Schwangerschaftsurlaub ist. Ich dachte es wäre nett, wenn du nicht jede freie Minute für mich und das Geschäft opfern musst“, fügte sie noch hinzu als sie merkte, dass Lillian keine einzige Regung zeigte.

Lillian war unschlüssig. Was sollte sie auch von dem Typen halten. Erst folgte er ihr nachts in irgendwelche Gassen, faselte unverständliches Zeug und jetzt arbeitete er bei ihrer Mutter? So ganz zufällig konnte das ja wohl nicht sein!

Eins stand jedenfalls fest: Sie wollte nur noch nach Hause und in Ruhe nachdenken. Beziehungsweise wollte sie eigentlich nicht nachdenken, denn sowas passierte nicht, wenn sie Dorian traf. Bei ihm konnte sie sich sicher fühlen und ihm das ganze Denken überlassen.

Mit einem Blick auf Ash brachte sie ein kurz angebundenes „Hi“ heraus. An ihre Mom gewandt sagte sie: „Du, ich muss mich beeilen. Ich schlafe heute bei June, wir, äh, wollen lernen – Faust – du weißt schon. Vorher treffe ich mich noch mit Dorian. Wir sehen uns dann morgen, ja?!“ und gab ihr noch einen Kuss auf die Wange.

Frau Edelius blickte ihrer Tochter stirnrunzelnd hinterher. Dadurch konnte sie nicht sehen, dass sich Ash’s Gesichtsausdruck noch mehr verfinstert hatte und beinahe mörderisch funkelte; sonst hätte sie es mit der Angst zu tun bekommen.

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“Daydreams – true or false” #Kapitel 5

Ich weiß, ich weiß, ich hab euch ziemlich lang auf das nächste Kapitel warten lassen. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, daher nun endlich Kapitel 5 meiner Romantasy-Novelle „Daydreams“!

Kapitel 5

„Ich muss euch was erzählen“, flüsterte Lillian atemlos ihren beiden Freundinnen zu. Sie hatten gerade eine Doppelstunde Sport und somit den Schultag erfolgreich beendet. June hatte am Nachmittag noch einen Nachhilfeschüler und Christa musste wieder arbeiten, daher nutzte Lillian die Gelegenheit, um die Ereignisse des vorangegangenen Tages loszuwerden.

„Wie, er ist dir nachgelaufen und ihr habt den ganzen Abend miteinander verbracht?“ Christa war neidisch bis in die Haarspitzen. Sie konnte sich nicht erinnern, ob sie jemals so einen perfekten Nachmittag mit einem Jungen verbracht hatte.

„Ja. Und als er mich dann nach Hause gebracht hat…“ die Mädchen starrten sie mit offenem Mund an und warteten auf das unweigerliche Ereignis, „da hat er mich ganz lange angesehen und auf die Stirn geküsst.“

„Auf die Stirn geküsst?“ fragte June entgeistert. „Das kann doch nicht, du, ist irgendetwas passiert?“

„Nein, er hat dabei meine Wange gestreichelt. Und er freut sich auf Samstag, da wollen wir zusammen auf das Stadtfestfest. Ich glaube eher, dass er irgendwie altmodisch ist oder so. Als ob er noch auf den richtigen Moment wartet, versteht ihr?“ Lillian war in dieser Sache wesentlich unsicherer, als sie den beiden Glauben machen wollte. Eigentlich wusste sie nämlich überhaupt nicht, was sie von der Sache zu halten hatte, aber sie konnte sich auch nicht erinnern irgendetwas falsch gemacht zu haben.

June dachte einen Moment darüber nach, dann nickte sie. „Du, das ist gar nicht so unwahrscheinlich. Vielleicht ist er gar nicht der Sunnyboy, nachdem er aussieht. Er meinte ja selbst, dass er noch auf die Richtige warte. Es wäre tatsächlich möglich.“ Das, so dachte June, war genau was ein Mädchen ihres Alters tatsächlich wollte. Einen jungen Mann, der immer das Richtige tat, im richtigen Moment küsste, die richtigen Worte sagte. Wer hat nicht schon Nächte wachgelegen und sich vorgestellt, wie der Schulschwarm genau das tat. Das Lillian so jemanden gefunden hatte, machte sie zwar ein wenig eifersüchtig, aber das hieß wenigstens auch, dass man die Hoffnung noch nicht aufgeben musste!

Plötzlich schreckte Christa auf und schaute hektisch auf die Uhr. „Huch, Mädels, ich muss los. Wir sehen uns morgen! Und haltet mich auf dem Laufenden, wenn sich noch etwas ergibt!“ Schon flitzte Christa davon.

Die beiden riefen ihr noch ein „Bis Morgen!“ hinterher.

„Was hast du jetzt vor?“ fragte June.

„Ganz ehrlich? Ich versuche krampfhaft so cool zu bleiben, wie es geht. Ich habe gestern Abend noch ein paar Aufnahmen im Mondlicht gemacht und werde die erstmal in Ruhe entwickeln. Je mehr Ablenkung, desto besser!“

June nickte zufrieden. Lillian war schon immer die rationalere von ihnen gewesen. „Gut. Ich muss nämlich auch langsam los. Aber ruf mich an, wenn irgendwas ist. Wenn dir das Dach auf den Kopf fällt, dann komm vorbei. Vielleicht können Faust und ich dich auf andere Gedanken bringen!“

Lillian verdrehte die Augen. Der Unterrichtsstoff war das Letzte, was sie im Moment interessierte. Schweren Herzens trennte sie sich von ihrer Freundin und war wieder mit ihren  Gedanken allein. Der einzige Lichtblick schienen tatsächlich ihre Aufnahmen zu sein, vor allem ihr neues Projekt mit den gegensätzlichen Nachtbildern.

~*~

Die darauffolgenden Tage vergingen nur langsam.

Lillian gelang es den nächsten großen Schritt zu wagen und rief Dorian an, um ein Treffen für Samstagabend zu verabreden. Tagsüber ging es auf dem Stadtfest bunt her und die Straßen quollen über von Familien und Touristen. Wesentlich interessanter wurde es dann in den Abendstunden, als das Geschrei und die Clowns sich verzogen hatten und man in Ruhe die Buden abklappern konnte. Sie stellte es sich auf jeden Fall sehr romantisch vor, vielleicht gewann er an einer der Losbuden für sie ein Stofftier oder kaufte eine langstielige Rose und das Riesenrad durfte natürlich auch nicht fehlen. Kaum hatte sie das Telefon in der Hand, fing ihr Herz in bekanntem Tempo an zu pochen. Hoffentlich würde sie sich bald daran gewöhnen. Seine Stimme schien für sie aber Belohnung genug zu sein, und machte es umso einfacher zum Hörer zu greifen und endlich anzurufen. Er klang sanft und liebevoll, machte ein paar kleine Scherze und neckte sie. Nach dem Gespräch war Lillian ganz aufgewühlt, aber es war ein gutes Zeichen. Kuss hin oder her, er wollte immer noch mit ihr ausgehen, das zweite, oder war es erst das erste?, Date und sie hatte genügend Zeit, sich ein neues Poweroutfit zu überlegen.

Ihren Eltern hatte Lillian allerdings noch nichts erzählt und so kam es, dass ihre Mom einen ganz eigenen Plan verfolgte. An und für sich waren ihre Eltern ja immer etwas hinterher, wollten nicht, dass ihre Tochter sich mit dem falschen Jungen einließ oder zu früh zu viele Fehler machte. Dinge, die sie später bereute. Die zwei waren fürsorglich, aber eigentlich noch nicht bereit, ihre geliebte, einzige Tochter an jemanden zu verlieren, den sie nicht kannten. Dennoch sollte Lillian glücklich werden; was sich alles in einem gewissen Widerspruch befand. Über elterliche Logik konnte man wirklich nur den Kopf schütteln. Auf jeden Fall hatte diese Woche eine männliche Aushilfe bei ihrer Mom im Fotoladen angefangen, gerade mit der Schule fertig und dem entsprechend im richtigen Alter. Der junge Mann schien seine Arbeit gewissenhaft zu verrichten, war weder großspurig noch frech und hatte somit unbewusst innerhalb weniger Tage Frau Edelius um den kleinen Finger gewickelt. Während sie also versuchte Lillian gut zuzureden, ob sie sich einmal mit ihm treffen oder ob Lillian nicht am Montag nach der Schule rein zufällig mal im Laden vorbeischneien könnte, dachte Lillian nur an das bevorstehende Treffen mit Dorian.

Außerdem, so wie ihre Mom diesen Typen, Ash oder so, beschrieb, war er wohl ein recht langweiliges Exemplar der männlichen Spezies. Zuverlässig und sittsam waren nicht unbedingt die Eigenschaften, die Lillian, oder überhaupt ein Mädchen ihres Alters, vom Hocker rissen; zudem soll er ruhig und in sich gekehrt sein. Zugegeben, sie war auch ein etwas schüchternes und zurückhaltendes Mädchen, aber das hieß nicht, dass sie nicht auch anders konnte. Mit Dorian zum Beispiel blühte sie auf und war bestimmt auch zu einigen Abenteuern bereit. Was wollte sie dann mit so einem Langweiler?

Sie schob den Gedanken beiseite. Mittlerweile war nämlich besagter Samstag angebrochen und trotz aller Pläne suchte sie nun fieberhaft ihren Kleiderschrank und sämtliche Schubladen der Kommode nach etwas passendem durch.

Im September konnte es abends ganz schön frisch werden und wenn sie tatsächlich Riesenrad fahren wollten, wäre ein leichtes Sommerkleid nicht unbedingt die beste Wahl. Aber er sollte sie auch sexy finden, so viel war sicher. Immer wenn Lillian an das Stadtfest dachte, welches in ihrer Stadt traditionell eher einem Jahrmarkt glich, musste sie an den Film „Grease“ und das heiße Outfit von Olivia Newton-John denken. Als Kind schaute sie den Film oft mit ihrem Babysitter – immer wenn Eltern ausgegangen waren. Sie liebte diesen Film. Entsprechend Feuer und Flamme von ihren eigenen Jahrmarktsvorstellungen, kramte Lillian kurzerhand eine enge schwarze Leggins aus der untersten Schublade. Diese hatte sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr getragen. Dazu kombinierte sie ein luftiges Oberteil im Matrosenlook, mittelhohe Stiefeletten und eine Jeansjacke. Sich im Spiegel betrachtend fand sie sich ultracool. Sie fasste ihre Haare locker zusammen, schnappte sich noch zwei schwarze perlenförmige Ohrringe und fertig war das Ausgehoutfit. Die Hände in die Hüften gestemmt, grinste sie siegessicher ihr Spiegelbild an, als ihre Mom das Zimmer betrat.

„Oh, na du hast dich aber schick gemacht. Gehst du mit June und Christa auf das Stadtfest?“

Nun, die beiden würden sicherlich auch dort rumhängen, aber ihre Mom verdiente wohl trotzdem die Wahrheit.

„Ich treffe mich mit einem Jungen. Er heißt Dorian, ist 18 Jahre  und arbeitet seit kurzem in dem Buchladen, den wir immer so gerne ausplündern.“ Das müsste sie theoretisch überzeugen, dachte sich Lillian.

Frau Edelius überlegte. Eigentlich wollte sie ihre Tochter mit Ash Horváth bekannt machen, den hatte sie nämlich schon eingehend unter die Lupe genommen. Aber vielleicht ist dieser  Dorian, gar keine schlechte Wahl – immerhin arbeitete er in einem Buchladen. Sie grinste breit. „Na gut, aber vergiss nicht uns den künftigen Schwiegersohn noch vorzustellen, bevor ihr mit den Büchern durchbrennt!“

Lillian verdrehte die Augen. Mütter! „Ja klar, ich muss jetzt aber los. Wird sicher etwas später. Bye!“ Wenn sie es schnell genug zur Tür schaffte, konnte sie ihn noch abfangen!

„Um zwölf bist du zu Hause!?“

„Ja, ja. Hab dich lieb!“ rief Lillian, während sie die Treppe zum Flur hinunterrannte und dann war sie auch schon aus der Tür.

~*~

Doch vor ihrer Tür wartete noch niemand. Das verschaffte Lillian Zeit, um noch mal in ihrer großen beutelähnlichen Tasche zu kramen. Schlüssel – check, Geldbörse mit genügend Kleingeld – check, Kamera –

„Wartest du schon lange?“ Dorian hatte sie bereits entdeckt und sich von hinten angeschlichen.

„Huch. Puh, du hast mir ja einen Schrecken eingejagt! Hi,“ brachte Lillian noch heraus, dann versank sie in seinen Augen. Dorian umfasste sie leicht an der Hüfte und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Ganz flüchtig, dafür aber auch sehr nah an ihrem Mundwinkel. Ein leises Seufzen entfuhr ihr als ihr bewusst wurde, dass sie wieder Ausatmen konnte. Sie lächelte ihn an. Nun nicht mehr ganz so unsicher wie bei ihrem ersten Zusammenstoß. Daran könnte ich mich gewöhnen!

Er dachte wohl etwas ähnliches, denn er nahm prompt ihre Hand und sie bewegten sich, sorglos nur mit sich beschäftigt, Richtung Stadtmitte.

„Wow, das ist ja wirklich wie ein Jahrmarkt. Wie schafft es diese Kleinstadt ein derart großes Stadtfest zu veranstalten?“

Lillian freute sich, dass sie ihn beeindrucken konnte. Sie mochte ihre Heimat und würde nicht tauschen wollen. „Och, das hat sich so eingespielt. Eigentlich ist es so eine Art Wanderjahrmarkt. Und da wir im Umkreis keine Großstadt haben und alles rundherum eher etwas ländlich ist, könnten wir das wahrscheinlich gar nicht so groß aufziehen. Der Landkreis hat sich aber zusammengeschlossen und so teilen wir uns alle diesen Jahrmarkt. Er bleibt eine Woche, damit jeder die Möglichkeit hat, einmal hier her zu fahren. Dann zieht er weiter zu den Großstädten. Ich fand es immer ziemlich cool!“

Dorian nickte. Der Schauplatz war natürlich ideal, er konnte sich beglückwünschen. Scheinbar war er zur richtigen Zeit in diese Stadt gekommen.

„Na dann los, bevor die Zuckerwatte alle ist“, meinte er lachend und sie rannten los.

Derart ausgelassen hatte sich Lillian seit ihrer Kindheit nicht mehr gefühlt. Als ob ihr die ganze Welt offen stand und sie sich um nichts Sorgen machen musste. Dorian ließ sie sogar die komischen Träume vergessen, die ihr allmählich nicht nur den Schlaf, sondern auch die Kraft raubten. Heute war sie unbesiegbar!

Als sie bei den diversen Ständen ankamen, waren beide etwas aus der Puste. Lachend um die Wette laufen konnte selbst die jugendliche Lunge nicht umstandslos verkraften. Nach Atem ringend torkelten sie sich gegenseitig in die Rippen stoßend zum Zuckerwattestand. Leider war die Schlange so lang, wie sie befürchtet hatten.

„Sollen wir warten? Dann bekommst du eine Stange mit rosa Zuckerwatte!?

„Och nö“ meinte Lillian gelangweilt. „Rosa ist eigentlich auch gar nicht meine Farbe. Aber guck mal dort drüben. Da gibt’s blaue Slushies.“ Das Zeug besteht zwar nur aus gecrushtem Eis und Zucker, und man musste aufpassen, dass man nicht zu viel davon trank, weil sonst der Kopf wehtat, aber es schmeckte großartig. Prinzipiell sprach also überhaupt nichts dafür, dass es das neue In-Getränk unter den Jugendlichen war, aber seit wann handelte man in diesem Alter logisch.

Die Schlange war zwar auch nicht kürzer als bei der Zuckerwatte, aber sie nutzten die Zeit um wieder zu Atem zu kommen und sahen sich neugierig um.

„Du kennst dich doch hier aus. Warum verdienst du dir dein Slushie nicht als Reiseführerin und zeigst mir die örtlichen Attraktionen?“ Dabei nahm Dorian einen etwas bornierten Gesichtsausdruck an, als sei er ein Tourist, dem man etwas Tolles bieten musste, weil er sonst sein Geld zurück verlangte.

„Na pass auf. Stehst du eher auf Autoscooter oder auf die Geisterbahn? Wir müssen ja nicht zu viel Geld ausgeben. Es gibt auch noch ein Spiegelkabinett, aber das ist eigentlich ziemlich unspektakulär. Dann würde ich noch eine Kleinigkeit essen und zum Schluss, wenn es richtig dunkel ist, auf das Riesenrad. Was hältst du davon?“

Dorian überlegte sich seine Optionen. Eigentlich wäre Autoscooter ja schon männlicher und er war auf jeden Fall ein Adrenalinjunkie. Aber in der Geisterbahn konnte man sich näher kommen. Das Spiegelkabinett hatte sie ja schon ausgeschlossen, obwohl er sich dort wahrscheinlich am Wohlsten fühlen würde. „Okay, dann lass uns doch mit der Geisterbahn fahren. Ist die wenigstens gruselig oder eher nur billig?“

„Geht so würde ich sagen. Also ich erschreck mich dort nicht mehr, aber es hat ja bekanntlich etwas Romantisches“ rutschte ihr heraus und schon wurde ihr wieder ganz heiß. Sie hatte sich nämlich vorgestellt, wie sie sich ganz eng neben Dorian pressen würde, sein Arm um ihre Schultern, ihre rechte Hand auf seinem Knie…

Dorian grinste breit. Er dachte anscheinend dasselbe. „Abgemacht!“

Die Schlange bei der Geisterbahn war nicht lang, aber sie konnten in aller Ruhe ihre Slushies vertilgen. Lillian war danach etwas benommen und presste sich die Hände an die Stirn in der Hoffnung, dass ihr Kopf dadurch wieder wärmer wurde. Dorian grinste sie frech an, aber eine Slushie-Überdosis fanden die Betroffenen selten witzig. Um sie wieder zu besänftigen nahm Dorian ihre rechte Hand und führte sie in den Zweierwagen. Dort legte er besitzergreifend seine linke um ihre Schultern und zog sie eng an sich. Ihr ganzer Körper vibrierte schon bevor die Fahrt überhaupt anfing. Es war eine ganz normale Geisterbahn, hier und dort ein wenig Lichtflimmern, angeleuchtete Axtmörder und grüne Goblins mit blutverschmierten Zähnen, ein Vampir stieg aus einem Sarg und eine riesige fette Spinne bewegte sich über die linke Höhlenwand. Spinnen mochte Lillian ganz und gar nicht und so drückte sie sich noch enger an Dorian. Dieser beugte sich gerade zu ihr, als er plötzlich von rechts angegriffen wurde. Eine Hand schoss hervor, packte ihn am Hemd und versuchte ihn aus den Wagen zu zerren. Lillian konnte nichts erkennen, merkte aber, dass Dorian scheinbar in einen Kampf verwickelt wurde.

„Lass mich in Ruhe, was willst du?“ schrie er dem Angreifer entgegen.

„Du lernst es einfach nicht, oder? Du Mistkerl!“ knurrte der Fremde ziemlich wütend. Lillian stellte sich vor, wie er dabei irre schaute und mit den Zähnen fletschte.

„Hau ab Mann!“ Dorian stieß den Angreifer zur Seite, so dass er gegen die Wand knallte. Dort rutschte er scheinbar zu Boden, aber der Wagen fuhr weiter, so dass sie ihn nicht mehr sehen konnte. Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert und Lillian hatte unwillkürlich den Atem angehalten. Das Blut rauschte in ihren Ohren. „Dorian!? Ist dir was passiert?“ Dabei beugte sie sich zu ihm hinüber und nahm sein Gesicht in beide Hände. Was sie dabei entdeckte, erschreckte sie zunächst. Dorians Augen hatten ein mörderisches Funkeln und sie stieß wohl einen überraschten Ton aus. Im nächsten Moment war jedoch alles wieder beim Alten.

„Es ist nichts. Dieser Irre… Mir geht es gut, es fehlt nur ein Hemdknopf. Ich glaube, er sieht schlimmer aus als ich!“ und grinste dabei verwegen.

Lillian wurde das Gefühl nicht los, dass er sie nur beruhigen wollte. „Nichts ist okay. Ich weiß nicht, ob du dabei warst, aber mir war so, als ob du gerade angegriffen wurdest. Wir müssen die Polizei benachrichtigen, dass sich hier ein Irrer rumtreibt“. Dabei krallten sich ihre Finger in seinen Oberarm.

Er überlegte kurz. Polizei war etwas, was er bisher immer vermieden hatte. Aber vielleicht half es ja, das Problem ein für allemal zu beseitigen. „Gut, du hast wahrscheinlich Recht. Ich muss in diesem Fall echt nicht den Helden spielen. Lass uns dann gleich einen Servicemenschen suchen, damit sie die Bahn abstellen!“

Als sie endlich draußen ankamen, war es fast eine Erlösung. Lillian war immer noch ziemlich angespannt, konnte sich aber endlich davon überzeugen, dass mit Dorian alles in Ordnung war. Sie sprachen zunächst mit dem Kartenverkäufer, der wiederum seinen Chef anrief und erst dann wurde die Polizei alarmiert. Als diese endlich kam, mussten sich die beiden einige unbequeme Fragen gefallen lassen. Schließlich passierten in der Geisterbahn so einige seltsame Dinge, in der Regel waren es jedoch nur die Teenager, die sich gegenseitig Streiche spielten. Das halb zerrissene Hemd und die Panik in Lillians Augen verhalfen ihnen allerdings zu einer gewissen Glaubwürdigkeit. Natürlich mussten dann auch noch ihre Eltern informiert werden, da sie noch nicht volljährig war.

Der Abend schien überhaupt kein Ende nehmen zu wollen und bis sich Lillian endlich von Dorian verabschiedete und mit ihren Eltern nach Hause fuhr, war es schon weit nach Mitternacht. Lillian war hundemüde. Sie hatte seit Tagen kaum geschlafen, die Angst vor dem Traum hielt sie so lange wach, bis sie irgendwann vor Erschöpfung einschlief, was jedoch nie wirklich erholsam war. Weil ihre Eltern sie wie ein Schäfchen behüteten, gelang es ihr lediglich Dorian zu versprechen, ihn am nächsten Tag anzurufen und dann wurde sie auch schon in das Auto bugsiert.

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2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

“Daydreams – true or false” #Kapitel 4

Leider ziemlich verspätet, aber ich muss auch gestehen, dass ich nach London ständig unterwegs war und dann will auch noch diese völlig überflüssige Examensarveit geschrieben und die ersten Stunden für das neue Schuljahr vorbereitet werden. Daher bin ich mit meiner Novelle leider ziemlch spät dran und die Rezensionen stauen sich auch bei mir. Ich gebe mir Mühe! Versprochen!

Hier aber zunächst einmal das vierte Kapitel meiner Romantasy-Novelle „Daydreams“. Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Kapitel 4

Am nächsten Morgen trat genau das ein, was June mehr oder weniger vorausgesehen hatte. Lillian stand vor dem Kleiderschrank und konnte sich partout nicht entscheiden. Tags zuvor hatte sie ganz lässig eine ¾ Jeans, ein T-Shirt mit kleinen Rüschen an den Ärmeln und Sneakers getragen und scheinbar hatte es Dorian nicht gestört oder? Er hatte ja schließlich sie angeschaut und nicht June!? Etwas mutiger entschied sie sich daher für ein schulterfreies weißes Leinenkleid mit roten Punkten. Dazu rote Ballerinas mit einer Schleife. Darin gefiel sie sich sehr gut; sie sah mädchenhaft und verspielt aus und fühlte sich durch das Kleid und dessen Rottöne weiblich und verführerisch. Abschließend trug sie ein leichtes Make-Up auf und ließ ihre Haare offen. Als Lillian sich im Spiegel betrachtete, dachte sie im ersten Moment sie hätte etwas dick aufgetragen, doch dann machte sie sich selbst Mut und empfand alles in allem als ein ziemliches Mädchen-Power-Outfit. Entsprechend gestärkt verließ sie das Haus und machte sich gefasst auf einen wohl sehr langen Schultag.

~*~

Christa war an diesem Tag ziemlich pünktlich und hatte sich die ganze Story mittlerweile schon zweimal von June erzählen lassen. Was sie natürlich nicht davon abhielt, Lillian trotzdem mit Fragen zu bestürmen. So war diese heilfroh, als es endlich zur ersten Stunde klingelte. Den ganzen Rummel fand sie schon etwas übertrieben, schließlich war sie Dorian ja erst am Vortag kurz begegnet war. Außerdem hatte sie sich fest vorgenommen, heute über die Traumgeschichte zu sprechen. Aber würden ihr die beiden überhaupt zuhören?

Während der Französischstunde tuschelten June und Christa die ganze Zeit miteinander, und warfen gleichzeitig Lillian verstohlene Blicke zu. Beiden war natürlich aufgefallen, dass sie heute nicht sportlich-leger gekleidet war und sich stattdessen „in Schale geworfen“ hatte. Aber wenn man bedenkt, dass es bei Männergeschichten normalerweise nie um sie ging, konnte das jetzt auch mal ausgiebig zelebriert werden. Solange sie dabei ihren Spaß haben, dachte Lillian und seufzte. Natürlich hatte ihr Französischlehrer, Herr Klausen, gerade in dem Moment etwas zu der neuen Sprachübung erzählt und schaute Lillian fragend an. „Haben sie noch etwas hinzuzufügen Frau Edelius?“ Lillian wurde zum wiederholten Male innerhalb der letzten 24 Stunden tiefrot und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie wusste nämlich gar nicht, um was es gerade ging und vor allem war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie wohl gerade laut gestöhnt hatte.

Den Rest der Stunde versuchte sich Lillian auf das Wesentliche zu konzentrieren und fleißig mitzuarbeiten. Irgendwie musste sie den Tag schließlich auch rum kriegen. Sie fieberte dem Ende des Schultages entgegen, vor allem auch weil bis dahin noch 10mal die ganze Geschichte von vorn erzählt und alle möglichen Dialogoptionen von ihren Freundinnen durchgegangen werden mussten.

Als Lillian es endlich geschafft hatte, musste sie aber noch die eine oder andere Bedingung akzeptieren. Zum einen durfte sie heute Christa mitschleifen, da diese den jungen Adonis nämlich auch kennenlernen wollte. Zum anderen verabredeten die drei, dass sie sich anschließend bei June treffen würden um weitere Schritte zu planen. Lillian fand die ganze Geschichte ziemlich affig, aber das konnte sie nun nicht mehr ändern. Und da sie immer noch ihre wirren Träume besprechen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig als sich auf ein weiteres Treffen mit den neugierigen Hühnern einzulassen. Denn auch wenn es ihr nicht passte, so oft im Mittelpunkt zu stehen, so wäre das alles ohne die Freundinnen doch noch wesentlich unerträglicher: die Warterei, die Ungewissheit und das Bedürfnis sich irgendjemandem mitzuteilen wären die reine Folter. Es ist wie Pest oder Cholera, seufzte Lillian in Gedanken, wenn ich mich beiden anvertraue, werden sie mich definitiv bis ins kleinste Detail löchern; aber wenn ich alles für mich behalte, habe ich auch keine Hilfe zum Interpretieren dieser merkwürdigen Träume. Beides hatte irgendwie seine Vor- und Nachteile; doch wofür entscheiden!? Und so machten sich die beiden direkt nach der Schule auf den Weg in die Buchhandlung. Lillian war hin und her gerissen von dem Bedürfnis, den jungen Mann wiederzusehen und einem unnatürlichen Fluchtinstinkt. Je näher sie dem Geschäft kamen, desto heftiger schlug ihr Herz. Schmetterlinge im Bauch nannte man das wohl – oder Lampenfieber? Endlich an der Schwelle zur Tür angekommen, überkam sie eine grenzenlose Übelkeit.

„Du, ich halte das doch für keine gute Idee. Denkst du nicht es wäre ziemlich aufdringlich, wenn ich heute schon wieder hier auftauche? Ich bin doch kein kleines verknalltes Mädchen. Lass uns wieder verschwinden und wann anders wiederkommen!“

„Nichts da!“ antwortete Christa bestimmt und betrat den Laden, während Lillian weiterhin unschlüssig davor stand und überlegte, was sie tun sollte. Dorian kannte Christa nicht, es würde also nichts passieren, wenn sie einfach abhaute. Das wäre allerdings ziemlich kindisch. Lillian gab sich einen Ruck und folgte ihrer Freundin.

Drinnen war es angenehm kühl und Lillian bemühte sich ganz ruhig zu bleiben. Ihr Herz galoppierte ihr nämlich fast davon und sie sah sich gehetzt zwischen den Regalreihen um. Sie schalt sich selbst, weil sie sich nun wirklich kindisch benahm. Nur weil er sie gestern etwas länger angesehen hatte, wollte er sie bestimmt nicht gleich heiraten. Kein Grund zu Panik!

Aber er war gar nicht da. Weit und breit war niemand auszumachen, was ihr einen unangenehmen Stich versetzte. Er. Ist. Nicht. Hier!

„Sucht ihr etwas Bestimmtes?“ fragte die Dame an der Kasse. Heute war es nicht Frau Meyer, was Lillian etwas erleichterte. Diese wüsste nämlich ganz genau, warum die Mädchen hier auftauchten und sie wollte nicht, dass sich schon wieder jemand über sie lustig machte. Die Situation war schließlich schon nervig genug, vor allem störten sie ihre eigenen verwirrenden Gedanken.

„Nein, ich, wir haben uns gestern mit einem ihrer Mitarbeiter unterhalten und, äh, wollten demnächst mal was zusammen unternehmen. Er ist in etwa in unserem Alter, aber wir haben keine Nummern ausgetauscht, daher dachten wir, dass wir einfach nochmal vorbei schauen“, dachte sich Christa spontan geschickt aus.

Die Verkäuferin, ihrem Namensschild nach Frau Spann, runzelte die Stirn. „Dorian Miller meint ihr?“

„Ja, genau den!“

„Der hat heute seinen freien Tag. Soll ich ihm etwas von euch ausrichten?“

„Nein, das wird wohl nicht nötig sein. Aber danke!“ sagte Christa und schleifte Lillian wieder aus dem Geschäft. Diese war ziemlich schweigsam und versuchte noch zu verarbeiten, dass der ganze Ärger eigentlich umsonst gewesen ist. Während sie draußen standen, rief Christa June an und informierte sie über den Rückschlag. Die Mädchen wollten am Nachmittag dennoch etwas gemeinsam unternehmen, aber Lillian sagte ab. Sie wollte lieber nach Hause, vielleicht noch ein paar Fotos machen oder bei ihrer Mom aushelfen. Hauptsache nicht schon wieder über diesen Typen reden, das war bestimmt alles vergebene Liebesmüh. Sie war so deprimiert, dass sie keine Lust hatte, ihnen stattdessen von ihren Schlafproblemen zu berichten.

So trennten sich die Mädchen und Lillian schlenderte nach Hause. Ganz in Gedanken versunken, merkte sie zunächst nicht, dass sie verfolgt wurde. Als sie endlich aus ihren Gedanken erwachte und sich umsah, erblickte sie – ihr Herz setzte erneut für Sekunden aus – Dorian hinter sich.

„Hey“, begrüßte er sie fröhlich. „Ich war gerade im Laden, weil ich vergessen hatte mir meine Arbeitszeiten aufzuschreiben. Die Spann meinte, dass zwei Mädchen nach mir gefragt hätten, also dachte ich mir, ich schau mir das mal an!“

Unsicher, wie sie dem Gespräch am besten eine interessante Wendung geben konnte, standen sie sich gegenüber und Lillian starrte ihn an. Obwohl Anstarren nicht das richtige Wort war. Sie verlor sich in den Tiefen seiner Augen.

„Hi, ja, also“ sie räusperte sich. Mit etwas mehr Mut, schließlich hatte sie doch extra deswegen ihr Girl-Power-Outfit angezogen, wagte sie einen Vorstoß. „Wir wollten noch mal hallo sagen. Naja, eigentlich wollte ICH dich fragen, ob wir mal zusammen ins Kino gehen könnten oder so“ und schaute erwartungsvoll zu ihm auf.

Dorian grinste. Er sah sehr zufrieden aus, als ob er ganz genau wüsste, was in ihrem Inneren vorging. Lillian wertete das als positives Zeichen, denn sie hatten sich beide von Anfang an füreinander interessiert. „Gerne. Aber ich habe noch einen besseren Vorschlag. Hast du heute Nachmittag schon was vor?“

„Eigentlich nicht, nein.“

„Gut, dann lass uns doch ein wenig durch die Stadt schlendern oder ein Eis essen. Ich würde dich nämlich gern etwas besser kennenlernen.“

Lillian konnte ihr Glück kaum fassen und strahlte über das ganze Gesicht. „Na klar!“

Und so gingen sie lange Spazieren, sie merkte gar nicht wie die Zeit verging. Dorian erzählte, welche Städte er nach seinem Abschluss besucht und in welchen Jobs er ein wenig Geld verdient hatte. Sie staunte bei jeder Geschichte und bewunderte seinen Mut. Er war eher so ein Weltenbummler wie Christa, immer auf Achse, ständig neue Dinge erleben. Lillian war dahingehend sehr heimatverbunden, entdeckte allerdings auch fast täglich neue Welten. Nämlich immer dann, wenn sie durch ihre Kamera schaute, sah sie die Welt mit anderen Augen. Dazu musste sie nicht umher reisen. Jeder Tag, jeder Mensch, jede Einstellung, lieferten etwas Neues, Einzigartiges. Daher erzählte sie ihm viel von ihrem Hobby, was sie den Sommer über getrieben hatte, welche Bücher sie liebte. Dorian war ein aufmerksamer Zuhörer, sagte immer das Richtige und sie fühlte sich pudelwohl. Ein perfekter Tag!

Umso überraschter war sie, als plötzlich die Sonne weg war und sie auf die Uhr schaute. „Oh, schon fast 8. Ich sollte schon längst zuhause sein.“ Da fiel ihr auf, dass das irgendwie uncool klang und fügte hastig hinzu. „Du musst wissen, meine Eltern und ich haben so ein Ritual, dass wir immer gemeinsam zu Abend essen und uns über die Ereignisse des Tages austauschen. Sie halten es für eine gute Idee, damit man nicht irgendwann aneinander vorbei lebt. Naja, ich habe nicht angerufen und gesagt, dass es später wird. Sie sollen sich nicht noch Sorgen machen!“

„Ist doch in Ordnung. Ich hab auch völlig die Zeit vergessen und bin mittlerweile auch ziemlich hungrig. Aber wir ich habe unser Gespräch sehr genossen und wollte dich unbedingt besser kennenlernen.“ Nach einer Pause, mit seinen nun schon gefürchteten tiefen Blicken, fügte er hinzu „Das würde ich gerne bald wiederholen.“

Sie sahen sich schweigend an. Sie wusste, dass sie es nicht übertreiben durfte, aber verlassen wollte sie ihn noch weniger. In diesen Stunden war er ihr so sehr ans Herz gewachsen, als ob er schon immer dort gewesen wäre. „Am Wochenende ist Stadtfest. Wenn du Lust hast, können wir uns die Buden und Schausteller anschauen. Du musst wissen, bei uns ist das eine alljährliche Tradition und es geht ganz schön bunt zu.“

„Na dann ist das doch abgemacht. Pass auf, ich geb dir meine Nummer und du meldest dich, wenn du Zeit hast und ich sag dann Bescheid, wie ich arbeiten muss, okay?“

„Super! Ich freu mich!“ rief sie enthusiastisch und beschloss sich dann doch wieder etwas zu bremsen. Nur nicht so voreilig, er soll dich ja nicht für bedürftig halten.

„Gut, ich bring dich noch nach Hause, wenn du nichts dagegen hast. Dann weiß ich nämlich auch gleich, wo ich dich am Samstag abholen muss!“

Für Lillian fühlte sich das alles wie ein Traum an. Diesmal jedoch wie ein sehr, sehr schöner Traum und nichts im Vergleich zu dem, was sie die letzten Nächte so verfolgt hatte. Beim Gedanken an die kommende Nacht verfinsterten sich unweigerlich ihre Züge. Sie hatte mittlerweile richtig Angst überhaupt einzuschlafen. Ob die Stunden mit Dorian sie wohl ausreichend ablenken würden? Wenn sie mit ihm zusammen war, fühlte sie sich so sicher und stark, jetzt da sie nicht mehr daran zweifeln musste, ob er ähnlich empfindet. Da war definitiv ein unsichtbares Band zwischen ihnen. Daher hoffte sie inständig, dass sie diese Nacht vielleicht von Dorian träumen durfte!

Den Weg zu ihrem kleinen Reihenhäuschen bestritten sie ziemlich schweigend. Aber es war kein unangenehmes Schweigen. Als würden sie sich immer noch etwas sagen. Jeder hing in seinen  Gedanken den vergangenen Stunden hinterher und genoss einfach die Gegenwart des anderen. Vor ihrem Hauseingang angelangt, blieben sie stehen und sahen sich an. Diese Momente, waren für Lillian so verwirrend, wenn er sie mit diesem durchdringenden Blick bedachte, der sie bis ins Mark berührte. Zumindest stellte sie sich das so vor. Sicher war nur, dass sie ganz anders fühlte, als sie es jemals getan hatte und diese ganze Verliebtheitsgeschichte für sie vollkommen neu war. Es fühlte sich gut und verunsichernd zugleich an.

Zum Glück wusste Dorian, was zu tun war und nahm die Situation buchstäblich in die Hand. Er ergriff nämlich ihre, massierte mit dem Daumen leicht ihre Handflächen und zog sie leicht zu sich heran. Jetzt passiert es, dachte sie. Das könnte der Kuss werden, den ich mir schon immer vorgestellt habe!

Doch Dorian machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Er küsste sie sanft auf die Stirn, seine Lippen verweilten dort einen süßen Moment, dann trennte er sich wieder von ihr. „Bis Samstag“ sagte er sanft. „Und meld dich bei mir!“

Dann drehte er sich um und ging davon. Lillian stand wie versteinert noch einige Minuten an dieser Stelle und sah ihm verwirrt nach. Sie konnte immer noch seine warme Hand auf der ihren spüren. Dieser verfluchte Dorian hatte sie genau da, wo er sie haben wollte und dann küsste er sie nicht!? Frustriert marschierte sie ins Haus.

Diesen Abend war Lillian ziemlich unausgeglichen. Ihre Mom sorgte sich um sie und fragte sie abermals vorsichtig nach dem Albtraum. Lillian war jedoch ganz woanders. Nach wie vor stand sie mit Dorian auf dem Fußweg in der Dämmerung und wartete darauf, dass er sie küsste. Ihr Magen zog sich zusammen. Aber er tat es nicht. Am liebsten hätte sie ihn gleich angerufen oder eine SMS geschrieben. Sie war so irritiert und unruhig, weil sie nicht wusste, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Mochte er sie denn nicht? War ein Typ, der so gut aussah und etwas rumgekommen ist, wirklich altmodisch und ließ es langsam angehen? Ihre Gedanken machten sie selbst unzufrieden. Sie würde es morgen mit June und Christa besprechen. Das war ja reine Folter. Und bis zum Wochenende vergingen noch einige Tage. Ungeduld machte sich in ihrem jeder Faser ihres Körpers breit. Nach dem Essen verschwand sie in ihrem Zimmer. Hin und her gerissen zwischen der Freude über den tollen Nachmittag und dem unbefriedigenden Abschiedskuss lief sie auf und ab. Zum Schluss schnappte sie sich ihre Kameratasche und sagte ihren Eltern, dass sie ein paar Aufnahmen von den Gärten im Mondschein machen wollte. Beim Fotografieren ist sie bisher immer zu klaren Gedanken gekommen und der Mond war tatsächlich perfekt, um ein paar gute Aufnahmen zu machen.

Ihre Eltern hatten natürlich nichts dagegen, sie war 17 und die beiden unterstützten ihr Hobby schon, seit dem Lillian zum ersten Mal bei ihrer Mom im Fotoladen ihren Faible für Kameras entdeckt hatte. Lillian machte sich also in die Spur und hoffte in Ruhe Nachdenken zu können. Das Wetter war perfekt, nach einigen Aufnahmen von ihrem eigenen und den Gärten der Nachbarn, mit wunderschönen violetten Blüten im silbrigen Mondlicht, erwachte in ihr die Neugier für das Stadtleben bei Nacht. Sie war zwar schon oft abends weggegangen und auch mal länger weggeblieben, als gut für sie war, aber mit ihrer Linse hatte sie die anderen Nachtmenschen noch nicht eingefangen. Sie war gespannt darauf, was sie als stille Beobachterin alles entdecken würde.

Zunächst verschlug es sie in die Straße, in der sich der Buchladen befand. Was auch sonst, aber sie versuchte sich nicht viel dabei zu denken. Um diese Uhrzeit waren die Läden bereits geschlossen und es bestand keine Hoffnung, dass sie Dorian diese Nacht noch einmal begegnete. Die Geschäfte in der Straße waren allesamt nichts Besonderes und so zog es sie weiter in Richtung der Cafés, Kinos und Bars. Viel los war hier noch nicht, es war auch erst kurz vor 22 Uhr. Zwar gab es einige verliebte und tuschelnde Pärchen, die Lillian heimlich aufnahm, aber es war nicht das, was sie wollte. Auf den Straßen und Fußwegen war kaum Verkehr und so konnte sie sich frei bewegen. Wie immer, wenn sie tatsächlich mal nachts die Kamera dabei hatte, versuchte sie sich an verschiedenen Aufnahmen der Straßenlaternen. Sie hatten etwas Romantisches an sich. Wie das Pärchen in Paris, was vor dem Hintergrund eines Bistros an einer Straßenlaterne lehnte und sich küsste. Mit solchen Bildern konnte sie June und Christa immer zum Seufzen und Schwärmen bringen. Zum Glück war sie mit einem gewissen Talent gesegnet und wusste allmählich in welchem Moment man auf den Abzug drücken musste. Aber das perfekte Bild, war ihr noch nicht gelungen, irgendwie hatte sie noch nicht das richtige Motiv gefunden. Als sie an einer Seitengasse vorbeikam, flitzte eine Ratte über den Weg und verschwand im Abfall. Da hatte Lillian eine Idee. Wie wäre es mit einer Fotomontage, das glitzernde Nachtleben und daneben den Hinterhof. Das gefiel ihr. Sie sah einmal kurz über die Schulter und vergewisserte sich, dass sie niemand dabei beobachtete, wie sie in den Hinterhof ging. Es sollte niemand denken, dass sie etwas Verbotenes machte oder so. Das gab dann nur Gerede und war das Letzte, was ihr jetzt noch an Merkwürdigkeiten fehlte.

Vorsichtig bewegte sich Lillian auf den Abfallhaufen zu – die Kamera im Anschlag. Die Ratte sollte an Ort und Stelle bleiben, vielleicht gelang es ihr ja, das pelzige Tier mit aufs Bild zu bekommen. Doch diese war nirgends zu sehen. Lillian knipste zwei Bilder ohne die Ratte und überlegte, wie sie das Tier anlocken konnte. Da hörte sie wie eine Dose links hinter ihr über den Weg kullerte. Erschrocken fuhr sie herum und entdeckte die gesuchte, oder eine andere, Ratte. Ganz vorsichtig schlich sie näher und hob die Kamera. Auf einmal bemerkte sie in den Augenwinkel, wie plötzlich ein Schatten am anderen Ende der Gasse – dem einzigen Weg zurück zur Hauptstraße – aus dem Nichts auftauchte.

Ihr Herz schlug wie wild. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie hatte sich in ihrer Heimatstadt immer sicher und behütet gefühlt, es war nie etwas passiert und Kriminalität gab es kaum. Lillian versuchte sich zu beruhigen, vielleicht war das nur ein Passant, der etwas gehört hatte. „Hallo?“ rief sie etwas zittrig. Der Schatten rührte sich nicht. Erkennen konnte sie wenig, da sie durch die Laterne hinter ihm geblendet wurde. „Hallo, wer ist da?“ Wieder nichts. Warum stand er denn einfach nur dort rum und starrte sie an. Er starrte sie doch an, oder? Allmählich wütend geworden, ging sie einige Schritte auf ihn zu. „Bist du taub oder was? Kann ich dir vielleicht helfen?“ Ihre Augen blitzten. Da er sich nicht bewegte und keine Anstalten machte, sie zu bedrängen, ging Lillian weiter auf ihn zu. Angriff ist oft die beste Verteidigung, machte sie sich Mut und stand nach zwei weiteren Schritten vor ihm. Der Fremde war ein Junge in ihrem Alter. Zumindest was sein Aussehen betraf. Ein Blick in seine Augen ließ aber einen anderen Schluss zu. Sie wirkten uralt und er sah sie aus diesen grauen finsteren Augen mitleidig an. „Was ist denn los? Hab ich dir was getan? Was guckst du denn so?“ mittlerweile war sie ziemlich aufgebracht. Der Typ war ihr unheimlich.

Er kniff die Augen leicht zusammen und raunte „Wenn ich du wäre, würde ich die Finger von ihm lassen. Er ist schon jemand anderem versprochen.“ Dann drehte er sich um und ging davon.

Hä? Was war denn jetzt gerade passiert? Nach wie vor hob und senke sich ihr Brustkorb in tiefen Zügen. Nur weil sie cool tat, konnte sie ihre Aufregung kaum noch verbergen. Das war ja grad merkwürdig. In dem Moment fiel ihr erst ein, dass sie von ihm ein Foto hätte machen können. Sie wusste zwar nicht, was ihr das genützt hatte, aber so unheimlich wie der Typ war, hätte das sicher nicht schaden können.

Lillian wurde sich bewusst, dass sie immer noch in der Gasse stand und flüchtete schleunigst auf die erleuchtete Straße. So schnell es ging, lief sie nach Hause, an besondere Aufnahmen war nun nicht mehr zu denken. Ohne groß zu überlegen, lief sie, bis sie ihre Haustür aufschloss und machte erst Halt, als sie in den vertrauten vier Wänden ihres Zimmers stand. Die Kamera legte sie achtlos auf den Schreibtisch, zog Schuhe und Jacke aus und legte sich unter ihre Bettdecke. Dort kuschelte sie sich so fest, wie es nur möglich war, ein, schloss ganz fest die Augen und hoffte, dass sich ihr Herzschlag endlich normalisierte. Was für eine verrückte Woche das doch war. Und dabei hatte sie nicht mal die Hälfte hinter sich.

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Hast du die vorherigen Kapitel verpasst? –> hier gehts lang:

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

“Daydreams – true or false” #Kapitel 3

Es ist wieder Freitag und so kommt hier nun trotz meiner Abwesenheit Kapitel 3 aus meinem Romantasy-Novel!

Kapitel 3

Den Rest des Tages verbrachte Lillian wie in Trance. Hausaufgaben hatten sie zum Glück noch keine aufbekommen, in jedem Fach gab es lediglich die obligatorische Einführung in ein neues Thema und es wurden hier und da Ferienerlebnisse ausgetauscht. Für Deutsch müsste sie demnächst anfangen Faust zu lesen, aber konzentrieren konnte sie sich nicht wirklich. Nachdem sie mechanisch ihr Schulzeug umgepackt und ihrer Mom beim Kochen und Aufräumen geholfen hatte, saß sie in ihrem Zimmer und schaute aus dem Fenster. Wirklich hungrig war sie nicht, aber nach ein wenig Smalltalk mit ihren Eltern über June, Christa und den kommenden Lernstoff, hatten diese keinen Verdacht geschöpft. Was gut war. Lillian wollte nämlich mit niemandem reden. June hatte den ganzen Nachhauseweg über gestichelt und das ging ihr dann doch ziemlich auf die Nerven. Sie hatte diesen Dorian schließlich gerade erst kennengelernt und mit ihm vielleicht zwei Sätze gewechselt und wollte daraus nicht gleich ein großes Ding machen. Und wenn sie an ihr Rumstottern dachte, wurde ihr Gesicht gleich wieder ganz heiß. Scheinbar hatte sie gar keine Kontrolle mehr über ihre Gesichtsfarbe. Wie peinlich, dachte sich Lillian, er muss mich doch für eine totale Idiotin halten.

Daher überlegte sie, ob es wirklich klug wäre, am nächsten Tag wieder zum Buchladen zu gehen. Schon allein bei dem Gedanken ging ihre Herzfrequenz wieder nach oben. So zog sich das schon den ganzen Abend hin und sie war bisher zu keinem Entschluss gekommen. Immer wieder spielte sich die Szene im Buchladen wie ein Film vor ihren Augen ab. Wie in Zeitlupe drehte sich Dorian jedes Mal zu ihr und grinste, dass sich ihr Magen zusammenzog.

Und da es auch irgendwie nichts gab, was Lillian tatsächlich fesseln konnte, versuchte sie es letztlich mit ein paar Gymnastikübungen, einer heißen Dusche und schnappte sich anschließend eins ihrer Lieblingsbücher: „Stolz und Vorurteil“. Sie las so lange, bis ihr endlich die Augen zufielen.

~*~

Wenig später erwachte die Träumerin an einem seltsamen, aber dennoch mittlerweile irgendwie bekannten Ort. Sie stand inmitten verschiedener Hecken und begann einem der Wege zu folgen, die aus diesem Labyrinth herausführen könnten. Während sie zunächst links, dann rechts, wieder links, geradeaus ging und einen Weg zwischen den meterhohen Hecken suchte, wurde es um sie herum immer dunkler. Der Wind flüsterte durch die Blätter. „Liebst du mich?“ Panisch schaute sich die Träumerin nach allen Seiten um. Aber da war weit und breit nichts als eine Wand aus Grün.

„Liebst du mich?“ raunte es wieder, und verwandelte sich in einen immer lauter werdenden Gesang. Die Träumerin begann zu rennen. Ein Zweig peitschte ihr ins Gesicht. Sie stolperte über eine Wurzel, rappelte sich aber sogleich wieder auf. Links, links, geradeaus, rechts, links, links. Alles verdichtete sich zu einem einzigen Rauschen. Immer weiter laufend erspähte sie irgendwann eine Öffnung. Die Hecken endeten links und rechts und vor ihr war ein freies Feld. Nein, ein Sumpf war das, eine dicke faulige Suppe. Sie blieb stehen und überlegte fieberhaft, wie sie weiter vorgehen sollte, ihr Verstand rotierte. Das Rauschen hinter ihr wurde stetig lauter; wie bei einem Orkan raschelten die Blätter und als sie sich umdrehte, sah sie, wie ein Wirbelsturm aus Blättern und Zweigen auf sie zukam. Vor ihr der seltsame Sumpf, hinter ihr der Lärm des Orkans. Ehe sie noch einen klaren Gedanken fassen konnte, wurde sie von den Luftströmen erfasst und nach oben gerissen. Sie bekam keine Luft mehr, schrie aber noch ihre letzten Atemzüge hinaus in die Nacht.

Schreiend wachte sie auf. Sie konnte sich an nichts erinnern, hatte aber das Gefühl, dass jene drei Worte, dieser eine Satz aus ihren vorherigen Träumen, sie auch weiterhin verfolgten. Wie ein Monster, das seine Klauen langsam nach ihr ausstreckte. In dem Moment, als ihr dies allmählich klar wurde, klopfte es an ihre Tür. Vor Schreck quiekte sie.

Es war ihre Mom, die alarmiert in der Tür stand. Als sie ihre schwer atmende Tochter sah, eilte sie zum Bett. „Du bist ja schweißnass! Ist alles in Ordnung mein Schatz? Bist du krank, hast du schlecht geträumt?“ Die Frage, ob alles in Ordnung war, hörte Lillian in letzter Zeit irgendwie öfter. Zu oft für ihren Geschmack. Langsam fragte sie sich, ob mit ihr wirklich etwas nicht stimmte.

Mittlerweile kannte Lillian das Spiel ja ganz gut, schließlich ging diese Traumgeschichte schon eine Weile. Sie atmete gleichmäßig tief ein und aus und versuchte in aller Ruhe den Kopf klar zu kriegen. Da sich ihre Atmung allmählich normalisierte und sie sich in der schützenden Umarmung ihrer Mom befand, konnte sich Lillian auch soweit beruhigen, um Entwarnung zu geben.

„Ich hab nur schlecht geträumt, ziemlich schlecht. Jetzt geht es wieder, danke!“ presste sie heraus.

„Was hast du denn geträumt? Ist etwas passiert, was dich beunruhigt hat? Du bist ja fix und fertig!“

Lillian schüttelte nur erschöpft den Kopf. „Ich weiß es nicht. Irgendwie kann ich mich gar nicht erinnern, ich weiß nur, das es schlimm war und ich fürchterliche Angst hatte.“ Ihre Mom sah sie weiterhin fragend an. Wahrscheinlich überlegte sie, ob ihre Tochter ein Geheimnis vor ihr hatte. „Ist schon gut, wirklich. Mir geht es schon viel besser. Geh wieder ins Bett und mach dir keine Sorgen. Es wird nicht wieder vorkommen, versprochen!“ meinte sie mit gespielter Zuversicht. Als sie die Sorgenfalten im Gesicht ihrer Mom entdeckte, entschied sie sich, dass ihre Eltern nichts von den vergangenen Nächten zu wissen brauchten. Die beiden haben schon genug um die Ohren, da muss ich nichts von irgendwelchen  wirren Träumen erzählen. Vielleicht sollte ich aber doch mal mit Christa und June darüber reden, weil es mittlerweile echt etwas merkwürdig wurde.

Bei dem Gedanken an die Freundinnen und den kommenden Tag musste Lillian unweigerlich auch an Dorian denken und bekam eine Gänsehaut. Dieser Typ geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf, das konnte doch nicht wahr sein! Leicht frustriert, aber auch freudig erregt, legte sie sich wieder hin und schloss die Augen. In Gedanken bei Dorian konnte sie wider Erwarten die restliche Nacht durchschlafen.

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1. Kapitel

2. Kapitel

“Daydreams – true or false” #Kapitel 2

Es ist wieder Freitag und so kommt hier nun Kapitel 2 aus meinem Romantasy-Novel!

Kapitel 2

„LILLIE“, schrie Christa über den Schulhof und Lillian war sich sicher, dass auch die halbe Nachbarschaft gerade aus dem Bett gefallen ist.

„Lillie, da bist du ja“, japste Christa atemlos, nachdem sie freudestrahlend und rufend zu ihr gelaufen ist. Lillian nutze die Zeit, um nach June Ausschau zu halten. Doch da die beiden heute (mal wieder) spät dran waren, wartete June sicherlich schon im Unterrichtsraum, umringt von einer Horde Jungs, die ihr jedes Wort von den Lippen ablasen. Daher nahm Lillie ihre Freundin bei der Hand und schleifte die immer noch keuchende Christa hinter sich her. „Wir kommen noch zu spät, und das am ersten Schultag!“

Christa murmelte etwas Unverständliches, ließ sich aber widerstandlos durch das Schulgebäude ziehen. Als sie den Unterrichtsraum erreichten, saß June – wie erwartet – braungebrannt und wie immer atemberaubend schön, auf ihrem Pult und erzählte von ihrem Urlaub. Fast jeder im Raum starrte sie an und auch wenn man noch nie ein Wort mit der Schönheit gewechselt hatte, so versuchte man doch alles mitzubekommen. June war die Tochter eines bekannten und beliebten Politikers und hatte selbst nicht wenige Ambitionen. Sie sah also nicht nur unglaublich gut aus, sondern hatte auch wesentlich mehr in ihrem Kopf, als die meisten ahnten. Was für sie nun kein Grund war, sich ihr Aussehen und ihre Popularität nicht zunutze zu machen. Lillian und Christa waren da ein ganz anderes Kaliber. Christa war eine absolute Chaotin, aber von der liebenswürdigen Sorte. Einen Masterplan wie June hatte sie nicht; dafür aber umso mehr Träume, die fast alle darauf hinaus liefen, dass sie nach dem Abschluss um die Welt reisen und irgendwo jobben wollte. Lillie wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Sie selbst war eher schüchtern, hübsch – normal eben. Nichts Besonderes, wie June, dachte sie immer, aber die beiden brauchten auch irgendeinen Ausgleich und so hat sich das Gespann vor zwei Jahren gefunden und nie wieder getrennt.

Bevor sie jedoch ihre Ferienerlebnisse ausgiebig auswerten konnten, begann die erste Stunde und erst im Laufe der Pausen kamen sie dazu, sich über alles genauestens auszutauschen. June ist in den Ferien auf einer Art Sprachreise an der Côte d’Azure gewesen und dementsprechend braungebrannt. Sie berichtete von den jungen Männern, dem Wetter, der Gastfamilie, bei der sie gewohnt hat und was sie in der Zeit alles lernen und erleben durfte. Nun ging es den Mädchen ebenso wie ihren Klassenkameraden und sie hingen an Junes Lippen.

„Wie, und dann hat er dich geküsst? Am Strand bei Sonnenuntergang?“ schmachtete Christa. „Warum passiert mir sowas nie? Und warum renne ich die Ferien über in der Eisdiele rum und lechze nach mehr Trinkgeld, während du dir eine schicke Bräune holst?“ Christa klang vielleicht neidisch, aber sie war es eigentlich nicht. Schließlich hatten auch ihre Ferien nicht nur aus Kellnern bestanden. Sie hatte wahrscheinlich ein Dutzend Bücher verschlungen, war nachts durch die Gärten und Straßen geräubert und hatte in dem einen oder anderen Club sicherlich nichts anbrennen lassen. Christa nahm das Leben wie es kam und genoss es in vollen Zügen!

Nur Lillian fühlte sich irgendwie unzufrieden. Ja, Unzufriedenheit und Unruhe waren das, was sie dabei fühlte. Auch sie hatte ihr Taschengeld in den Ferien aufgebessert und bei ihrer Mom im Fotogeschäft ausgeholfen. Das Beste daran war, dass sie dabei ihrem Hobby, dem Fotografieren, ungehindert nachgehen konnte. Aber was die Jungs anging: nada!

„Wie sieht`s denn bei dir aus, Lillie, mit irgendwelchen heißen Boys rumgehangen? Erzähl schon, was ist denn mit Peter? Der hatte doch vor den Ferien irgendwelche Pläne wegen Kino oder so“, bohrte Christa, denn Lillian hatte sich bisher eher zurückgehalten. Nach den letzten Nächten war sie aber auch todmüde und konnte sich nur minimal mit ihren Freundinnen freuen.

Es half aber alles nichts und bevor die beiden noch misstrauisch wurden und zu den falschen Schlüssen kamen, erzählte sie ihnen von den tollen Fotos, die sie ihrer privaten Galerie hinzufügen konnte, und dass sie eigentlich zufrieden mit ihrem „ruhigen Sommer“ war. Außerdem hatte sie zwischendurch ein paar Tage bei ihren Großeltern verbracht und ist dort rund um die Uhr mit Gartenarbeit, aber auch mit Gammeln und langen Spaziergängen im Wald beschäftigt worden. „Mir ist einfach niemand über den Weg gelaufen, der mein Interesse wecken konnte. Ich weiß auch nicht, aber besser als ein Ferienflirt und dann Liebeskummer ohne Ende!“ versuchte Lillian die Situation zu retten.

„Kein cooler oder schnuckeliger Typ?“ „Kein verwegener Außenseiter oder Student auf Sommerurlaub?“ „Hast du eigentlich in letzter Zeit mal die Augen aufgemacht?“ fragten Christa und June abwechselnd und schauten sich verwirrt an. Die Welt war doch voller hinreißender Kerle und an jeder Straßenecke wartete das nächste Abenteuer. Nun, es war nicht so, dass sie sich von jedem abschleppen ließen, der ihren Weg kreuzte, sie waren gewissermaßen schon wählerisch was das anging. Aber ein wenig träumen, flirten, oder am besten – Küssen, muss doch wohl drin sein, besonders wenn der Sommer so lang und heiß ist wie der letzte. Da befasst sich das überhitze Gehirn doch automatisch mit Tagträumen, oder nicht!?

„Du verschweigst uns doch nichts, oder?“ fragte June ihre Freundin und zwinkerte ihr verschmitzt zu.

Lillian seufzte. „Nein, wirklich nicht, ich bin nur müde, hab schlecht geschlafen“ brummelte sie.

„Soso“, meinte June und sah Christa verschwörerisch an. Das würden sie wohl genauer unter die Lupe nehmen müssen!

Als der Schultag vorbei war, verabredeten sie sich später in ihrer Stammeisdiele San Marco`s zu treffen und gemeinsam Pläne für das kommende Schuljahr zu schmieden.

~*~

Christa hat ihren Nebenjob als Kellnerin nach den Ferien behalten und da sie an diesem Tag noch arbeiten musste, ließen sie ihre Freundin notgedrungen in der Eisdiele zurück. June und Lillian haben sich währenddessen zu einem kleinen Stadtbummel entschlossen. Shoppen mussten sie eigentlich nicht, aber June wollte wissen, was sich in den letzten Wochen verändert hatte und auch wenn Lillian ihr versicherte, dass alles beim Alten war, so wollte sich die unternehmungslustige Schönheit nicht davon abhalten lassen, die Stadt unsicher zu machen. Aber eigentlich war es gewissermaßen auch eine Ausrede dafür, die Freundin etwas genauer zu beobachten. Und vielleicht konnte man auch noch den einen oder anderen Flirt mitnehmen. „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, lautete Junes Motto und bisher war sie damit ziemlich erfolgreich durch ihre 17 Lebensjahre gekommen. Daher fasste sie die etwas mürrische, fast schon störrische, Lillian an der Taille und zog sie weiter durch die Innenstadt.

Nachdem sie durch den Park geschlendert waren, sich in der Drogerie mit nicht wirklich notwendigen Beautyartikeln eingedeckt und noch einen Zwischenstopp im Coffee-Shop hinter sich hatten (Latte-Macchiato mit fettarmer Milch, dafür aber Vanillesirup), einigten sie sich auf den Buchladen als letzte Station. June wollte sich einen neuen Reiseführer und ein wenig Literatur über Schottland kaufen, da sie dort wahrscheinlich die nächsten Ferien verbringen würde und Lillians Bücherstapel freuten sich immer über Zuwachs.

Lachend stolperten sie durch die Tür und wurden sofort von einer älteren Dame kritisch beäugt. Diese stand an einem Regal und stöberte augenscheinlich in der Esoterik-Ecke. „Na die sollte es doch am besten wissen“ feixte June und sie fingen wieder an zu kichern. Nach einem weiteren missbilligenden Blick verzogen sich die Mädchen in den hinteren Bereich zu den Themen Reisen, Schulbuch und Weiterbildung sowie Romane. Während sie sich umschauten, kam ein junger Mann aus dem abgetrennten Bereich; schwer atmend und mit einer riesigen Kiste auf den Armen, über die er weder drüber noch vorbei schauen konnte. Lillian sah ihn zuerst und befürchtete schon, dass er irgendwo dagegen laufen würde und versuchte ihn irgendwie vom nächsten Regal wegzudirigieren, wusste aber eigentlich nicht, wo er hin wollte. Währenddessen bemerkte auch June das Geschehen und versuchte ihrerseits mit Worten und entsetzten Rufen ihr übriges zu tun, um Schlimmeres zu verhindert, sorgte dabei aber nur für mehr Verwirrung.

Die ganze Aktion rief natürlich auch die ältere Dame auf den Plan, die nun mit Zornesfalten auf der Stirn und in die Hüften gestemmten Armen angerauscht kam, um sich lauthals über das Getöse zu beschweren. Sie blieb genau in der Lücke zwischen einem Regal und einem Aufsteller für den neuen Bestseller „Tod auf dem Land“ von Tim Martens stehen und registrierte zu spät, dass ein Karton auf zwei Beinen direkt auf sie zu torkelte.

Bevor die wild mit den Armen rumfuchtelnde Frau ausweichen konnte, stieß der Kartonträger mit ihr zusammen und landete unvermittelt auf dem Hintern – mit dem Karton auf dem Bauch, der dabei umkippte, so dass sich eine Bücherflut über den Boden ergoss. Keuchend richtete er sich auf.

Lillian entwich ein „Ohhhh“ und von June kam ein gemurmeltes „Yammie“. Anstatt ihm zu helfen, starrten die drei unterschiedlichen Frauen ihn nur an, wie er verwirrt auf dem Boden saß und sich aufrappelte.

„Entschuldigung, ich hoffe Ihnen ist nichts passiert“, fragte der junge Adonis an Esoterik-Tante gewandt.

„Äh“, sie räusperte sich. Etwas gefasster antwortete sie „Können Sie nicht aufpassen? Das ist doch gefährlich, was sie hier machen! Ich sollte mich beschweren, schließlich hätte alles Mögliche passieren können!“

In der Zwischenzeit starrten June und Lillian fasziniert den jungen Mann an und warteten darauf, seine Stimme erneut zu hören. Unterdessen wurde er von oben bis unten gemustert (und noch mal das gleiche Spiel rückwärts). Mit etwas Öl beschmiert, hätte er den perfekten Coverboy abgegeben. Dunkelblondes Haar fiel ihm leicht in die Stirn, seine Augen waren haselnussbraun, die Lippen geschwungen, perfekt zum Küssen und spöttisch Verziehen, wie er es gerade tat.

Als Lillian bemerkte, dass sie ihn noch immer anstarrte,  errötete sie. June dagegen genoss noch etwas länger den Blick auf einen fabelhaft geformten Körper mitsamt seinem flachen, aber bestimmt harten Bauch, den himmlischen Beinen und kräftigen Armen. Und diese Hände… Während June sich noch vorstellte, wie diese Hände über ihren Körper glitten, begann Lillian in ihrer Verlegenheit ein Gespräch.

„Geht es dir, äh, also, ist bei dir alles in Ordnung?“ stotterte sie vor sich hin.

Er machte es ihr leider nicht leichter, denn nun war er es, der sie von oben bis unten musterte und eine Augenbraue anhob. Das spöttische Grinsen blieb auf seinen Lippen.

Eine weitere Nuance röter, streckte sie die Hand aus und brachte noch ein „Äh, hi, ich bin Lillian“ heraus. „Meine Freunde nennen mich aber Lillie.“ Er sah runter auf ihre Hand, dann wieder hoch in ihre Augen. Nun mach schon was und grins nicht so dämlich, dachte Lillian. Und scheinbar wurde sie auch erhört, denn er ergriff ihre Hand, lächelte sie spitzbübisch an und antwortete „ich bin Dorian. Nichts für ungut, normalerweise geht es hier nicht so chaotisch zu, Lillian“ setzte er noch hinzu und sah sie aufmerksam an. Dabei sprach er ihren Namen seltsam aus; betonte jede Silbe, als würde er den Klang testen wollen. Erst dann ließ er auch ihre Hand wieder los.

Während Lillian sich mit ihrem zunehmenden Herzklopfen auseinandersetzte, hatte sich auch June aus ihrer Betrachtung gelöst und ging selbstbewusst auf ihn zu. „Hey, ich bin übrigens June. Sag mal, du bist nicht zufällig Single oder?“

Lillian schnappte nach Luft. Das war doch jetzt nicht ihr Ernst oder?

Wenn June jedoch dachte, sie hätte selbstbewusstes Auftreten schon von Kindesbeinen an eingeflößt bekommen und perfektioniert, so hatte sie in diesem Dorian ihren Meister gefunden.

Er betrachtete sie einen Moment schweigend, solange bis sie begann unsicher von einem Bein auf das andere zu treten und antwortete schließlich mit honigsüßer, kräftiger Stimme. „Ja, ich warte tatsächlich noch auf die Richtige“, wobei er sich leicht zur Seite drehte und Lillian geheimnisvoll anlächelte. Deren Herz blieb just in diesem Moment buchstäblich stehen und der noch funktionierende Teil ihres Gehirns entschied, dass sie dazu lieber gar nichts sagte. Oh Gott, wie er mich ansieht. Ihre Beine wurden butterweich.

June war sich noch nicht sicher, ob sie den Kampf schon aufgeben sollte und ob dies der gesuchte Kandidat für ihre Freundin war. Daher fragte sie ihn, seit wann er schon in dem Buchladen arbeitete und wie seine Pläne für die Zukunft aussahen.

„Ich bin erst seit einigen Wochen hier. Gerade mit der Schule fertig und wollte erst einmal hier und da ein wenig jobben und mir einige Städte näher anschauen.“ An Lillian gewandt fügte er hinzu: „Wenn es mir hier gefällt, bleibe ich gerne noch ein Weilchen.“ Für mich ist das wohl aussichtslos, dachte June. Wenn die Geschichte hier nicht Liebe auf den ersten Blick ist, dann weiß ich auch nicht weiter. Hoffentlich vermasselt Lillie es nicht, aber vielleicht steht der Typ ja auch einfach auf die schüchterne Sorte… Sie seufzte und gab sich einen Ruck. „Na dann sieht man sich ja vielleicht öfter! Lillian ist nämlich eine richtige Leseratte, weißt du“ sagte sie abschließend, nahm zwei Schottlandreiseführer und schnappte sich die festgefrorene Freundin am Arm. „Wir müssen langsam los. Bis bald“ flötete June noch über die Schulter und ging in den Kassenbereich.

An der Kasse entdeckten sie Frau Meyer, ihre Lieblingsmitarbeiterin des Buchladens. Die Mädchen mochten sie, weil sie gern ein Auge zudrückte und nicht so verklemmt war, wie ihre Kolleginnen. Frau Meyer hatte sich von dem ganzen Chaos überhaupt nicht beeindrucken lassen, durfte sich allerdings gerade die Tiraden der offenbar gekränkten Esoterik-Dame über Sicherheitsbestimmungen und die Jugend von heute anhören und war daher dankbar über die Abwechslung. Sie bedankte sich für den Einkauf und June meinte „da haben Sie aber einen schönen Fang gemacht“ und deutete zuerst auf Dorian, der noch immer neben dem Aufsteller stand und die Mädchen beobachtete, und dann auf die entrückt lächelnde Lillian.

„Na dann sehen wir uns ja bald wieder“ antwortete Frau Meyer und grinste verschwörerisch. „Bis die Tage ihr beiden!“

~*~

An der Straße angekommen blinzelte Lillian mehrmals und schaute sich verwirrt um. In Gedanken sah sie immer noch die nussbraunen Augen vor sich und hatte plötzlich Lust auf Schokopudding, sahnig und warm. Obwohl, nein, Appetit hatte sie eigentlich gar keinen. Genaugenommen war ihr eigentlich ganz flau im Magen und irgendwie schwindelig. Ob sie wohl genug getrunken hatte oder vielleicht irgendetwas ausbrütete?

„Lillie?!“ fragte June und starrte sie dabei leicht alarmiert an, als hätte sie nicht zum ersten Mal gefragt. „Alles okay bei dir?“

„Was? Wer? Dorian…“ murmelte sie nur.

June verdrehte die Augen. Das konnte ja noch heiter werden. Scheinbar ist Lillians Verstand ernsthaft in Mitleidenschaft gezogen worden. „Dich hat‘s ja ganz schön erwischt, was?“

Lillians Gesicht blieb leicht verträumt, und es mischte sich erneut ein rosafarbener Schimmer unter. „Seine Augen, hast du diese Augen gesehen? Wenn er mich ansieht, beginnt mein Herz zu rasen, alles wird verschwommen und ich fühle mich so…“ zerstreut suchte sie nach Worten. „Ich fühle mich irgendwie leicht, verwirrt, verletzlich und ausgeliefert zugleich. Das ist alles so sonderbar.“

Ihre Freundin nickte zufrieden. Scheinbar war mit Lillie doch alles in Ordnung, es musste nur der richtige Typ her! So wie es aussah, versprach der Herbst noch viel interessanter zu werden, als sie gedacht hätte! „Also gefällt er dir?“

„Ähm, also, er sieht ja nicht schlecht aus“ meinte Lillie ganz unschuldig.

„Nicht schlecht? Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahrhunderts! Der Typ hat so viel Sexappeal wie Wolverine. Der Brad Pitt der Bücherwelt. Tu dir selbst den Gefallen, komm morgen wieder und gib ihm deine Nummer!“

Lillian schaute sie kritisch, aber mit einem kleinen Hoffnungsschimmer in den Augen, an. „Meinst du wirklich? Ich weiß ja nicht…“

„Na klar! Dieser Dorian hat mich gar nicht beachtet und hatte nur Augen für dich!“ entgegnete June aufgebracht. Dabei kam ihr der Gedanke, dass sich normalerweise die anderen wohl so fühlten, wenn sie immer im Mittelpunkt stand. Das ist ja ein furchtbares Gefühl! Umso wichtiger war es, die Freundin jetzt aufzubauen und ihr mit Mr. Right zu helfen. „So und jetzt gehst du fein heim und überlegst dir in aller Ruhe, was du morgen anziehst. Du kannst dir auch ein paar Sätze zurechtlegen, aber die bekommst du wahrscheinlich eh nicht raus. Du wirst wohl ihm das Reden überlassen müssen.“

Lillians Gesichtszüge nahmen schon wieder einen entrückten Ausdruck an, als sie an seine samtweiche Stimme dachte.

„Hast du mir eigentlich zugehört?“

„Mhm“ murmelte Lillian.

Belustigt schüttelte June den Kopf. „Na pass auf. Ich bringe dich am besten noch nach Hause. Du scheinst grad nicht so auf der Höhe zu sein!“

Als Antwort bekam sie wieder nur ein „Mhm“. Arm in Arm schlenderten die beiden Richtung Lillians Haus, und während June fröhlich vor sich hin plapperte, wie toll doch ihr Urlaub gewesen sei und wie sehr sie ihre Freundinnen trotzdem vermisst hätte, hörte Lillian nur ein Dauerrauschen und dachte an braune Augen und Schokopudding.

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Hast du das vorherige Kapitel verpasst? –> hier gehts lang:

1. Kapitel

„Daydreams – true or false“ #Kapitel 1

Lange habe ich überlegt, aber nun werde ich es doch tun: ich veröffentliche mein Erstlingswerk. Ja, naja, es ist nicht das allererste, was ich je in meinem Leben geschrieben habe, aber schon das am weitesten durchdachte.

Anlass war die „5 Jahre – 5 Geschichten“ Aktion von Egmont Lyx. Zum Verlagsjubiläum gab es einen Schreibwettbewerb mit bestimmten Vorgaben. In das Voting habe ich es leider nicht geschafft, Gründe wurde nicht bekannt gegeben, finde ich nun im Nachhinein aber nicht allzu tragisch. Ich habe mir die Gewinnerbeiträge mal angeschaut und glaube nicht, dass meine Geschichte so 100% in das Verlagsprogramm gepasst hat. Es sollte das neue Genre Romantasy sein und das viel mir dann doch nicht so leicht.

Nichts desto trotz möchte ich nun hier jede Woche Freitag ein Kapitel aus meiner Geschichte veröffentlichen. Das erste Kapitel ist recht kurz, aber ich werde deswegen nicht nachsichtig sein, Kapitel 2 gibt es in einer Woche!

Für Anmerkungen bin ich gerne zu haben, auch konstruktive Kritik. Frau will ja schließlich besser werden oder 😉        –> Viel Spaß damit!

Kapitel 1

„Liebst du mich?“, flüsterte er.

Immer eindringlicher: „Sag es mir! Liebst du mich?“

 Lillian erwachte mit rasendem Puls, ihr Atem ging stoßweise und ihre Kehle fühlte sich völlig ausgetrocknet an; als ob sie einen Marathon gelaufen wäre, nachdem sie vorher noch ein Maxi-Menü bei McDonalds vernascht hatte. Oje, schlecht war ihr auch. Sie hielt sich rasch die Hand vor den Mund und rannte in‘s Bad.

Oh Gott, dachte sie, so schlimm war es bisher noch nie. Sie saß, tief ein- und ausatmend, auf den kalten Fliesen in Reichweite der Toilette und versuchte sich zu sammeln.

Dieser Traum… Seit knapp zwei Wochen suchte sie jede Nacht derselbe Traum heim. Sie wusste nach dem Aufwachen nicht mehr, was eigentlich passiert war, fühlte aber die Nachwehen einer Art Hilflosigkeit; wie die Hetzjagd nach der verzweifelten Frage „Liebst du mich?“

Sie wusste nicht, wer diese Frage stellte oder an wen sie sich richtete, nur dass es darauf irgendwie keine Antwort gab. Mitten in der Nacht erwachte sie fix und fertig und dieser Traum bereitete ihr mittlerweile beinahe körperlichen Schmerz. Und es wurde schlimmer.

Lillian beschloss, sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Stöhnend stand sie auf, betätigte die Spülung, zog sich langsam aus und stieg unter die Dusche. Nach und nach kam sie wieder zu sich. Die Welt nahm wieder Konturen an, ihre Atmung normalisierte sich. Was soll ich nur tun? Lillian ging systematisch die Möglichkeiten durch, die sie im Laufe der vergangenen Nächte in Betracht gezogen hatte.

Sie war weder verliebt, noch würde Lillian behaupten, in ihrem Leben je verliebt gewesen zu sein. Ja, da war Duncan letzten Sommer. Sie hatte ihn in den Ferien kennengelernt und hätte zu diesem Zeitpunkt Stein und Bein geschworen, dass er ihre große Liebe sei. Ernüchtert musste sie jedoch feststellen, dass 16-jährige Jungs zwar von außen cool wirkten und einem schon das Gefühl geben konnten etwas Besonderes zu sein, aber trotzdem irgendwie nur unreife Jungs waren. Und besonders gut küssen hatte er auch nicht gekonnt, zumindest hatte sie sich das alles ganz anders vorgestellt.

Lillian seufzte. Ja, Duncan war schon irgendwie heiß, aber mit Liebe hatte das ja mal rein gar nichts zu tun.

Ein Junge konnte also nicht der Grund für den Traum sein. Nachdem sie diese Möglichkeit ausgeschlossen hatte, blieben eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten: Sie erzählte es ihren beiden besten Freundinnen, Christa und June, und sie werteten die Träume gemeinsam aus oder sie sprach mit ihren Eltern. Aber ob das ratsam war? Nachher schleppten sie Lillian noch zu einem Therapeuten wegen unterdrückter Ängste vor dem Alleinsein in der Pubertät oder so einen Quatsch.

Im Grunde war sie genauso ratlos wie in den vergangenen Nächten. Aber sie fühlte sich wieder etwas besser. So eine heiße Dusche wirkt doch Wunder. Oder eine Tasse Kakao, wie Oma Effi immer sagte. Um 2 Uhr morgens verzichtete sie jedoch lieber auf die Prozedur. Am Ende würden nur ihre Eltern munter werden und wenn die ihre Tochter in der Küche mit Kakao erwischten, würden sie Fragen stellen, auf die Lillian letztendlich keine Antworten wusste.

Sei‘s drum, dachte sie sich. Morgen ist Schule und ich muss wieder ins Bett. Heute war der letzte Ferientag und die kommende Woche wird bestimmt super anstrengend. Ich bin mir sicher, dass bald ganz andere Dinge in meinen Träumen rumspuken werden.

Damit sollte sie gar nicht so falsch liegen.