Weekly Dose Schooltalk – Meine Abschlussrede

Ihr Lieben,

so wirklich regelmäßig ist meine wöchentliche Dosis ja nicht. Aber da Qualität immer noch wichtiger ist als Quantität, und ich nicht jede Woche etwas Spannendes zu berichten habe, ist es nun mal so, wie es ist ^^

Heute habe ich aber wieder etwas für euch und zwar einen etwas längeren Beitrag: die Abschlussrede, die ich zu meiner Zeugnisübergabe (Zweites Staatsexamen) gehalten habe. Der Beitrag spricht für sich selbst und ich bin gespannt, was ihr davon haltet! Vielleicht erzähle ich dann auch, wie er ankam 😉

Eine Geschichte von Hoffnung

Liebe Referendarinnen und Referendare,

heute möchte ich euch die Geschichte von Hoffnung erzählen. Hoffnung wollte bereits als kleines Mädchen Lehrerin werden. Jahrelang hat sie davon geträumt, sich stetig informiert und schon ihren Kuscheltieren die Grundlagen der deutschen Sprache erklärt.

Als Hoffnung endlich ihr Abitur in der Tasche hatte, schrieb sie sich sofort an der Uni ein. Ihre Fächer waren Deutsch, Latein und Musik, denn sie wollte den Kindern von morgen die Schönheit der Sprache und der Klänge näherbringen. Außerdem war sie weder mathematisch, noch sportlich begabt. Sie wusste nur, dass sie gern über Faust und den Schimmelreiter sowie die alten Römer diskutieren und den Kindern die Einfachheit der Grammatik erklären wollte. Außerdem war sie schon jetzt gespannt auf die stolzen Mienen der Abiturienten und entschied sich daher für das Gymnasium.

Hoffnung studierte fleißig, absolvierte unzählige Scheine und Praktika, schwärmte von den ersten Erfahrungen an der Schule und lag ihrer Umgebung ständig mit ihren Träumen in den Ohren. Schließlich wollte sie alles besser machen: tolle Stunden halten, Schüler begeistern, jedes Jahr neue Arbeiten konzipieren, ihr Material überarbeiten und schülergerecht auswählen. Sie würde nie kurz vor Weihnachten, wie viele andere Lehrer, zum pädagogisch meist sinnlosen Film greifen, nur weil sie keine Lust mehr hatte oder ihr nichts Besseres eingefallen ist. Strukturiert, motivierend und innovativ sollte ihr Unterricht sein.

Einige Jahre später hielt Hoffnung stolz ihr Abschlusszeugnis in den Händen und weiter ging es mit viel Motivation und Tatendrang in das 2jährige Referendariat. Nun konnte sie endlich ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen.

Allerdings merkte Hoffnung sehr schnell, dass die Arbeit ganz schön beschwerlich war. An das frühe Aufstehen konnte sie sich gerade noch gewöhnen, auch wenn sie nicht selten bis in die Nacht über den Unterrichtsvorbereitungen grübelte. Scheinbar war es doch nicht so einfach 26 Schüler einzufangen, für die verschiedenen Themen zu begeistern und für die entsprechenden Aufgabenstellungen zu motivieren. Auch lebensweltliche Beispiele und der Bezug zu der Erfahrungswelt der Schüler sorgten nur selten dafür, dass die Köpfe der pubertierenden Racker vor Arbeitseifer rauchten. Dazu kamen die Unterrichtsstile der Mentoren, die ebenfalls Eingang in ihren Unterricht finden mussten. Und eine fleißige Beteiligung bei außerschulischen Veranstaltungen, Dienstberatungen und Elternabenden sowie die Beachtung der internen Nahrungskette der Schule waren das Ah und Oh einer engagierten Referendarin. Denn Hoffnung musste irritiert feststellen, dass es viel schlimmer war, einen Lehrer auf dem Gang nicht zu grüßen, als einen Schüler ungerecht zu beurteilen.

Doch sie hatte ihr Ziel fest vor Augen und ließ sich von nichts abschrecken. Bald würde Hoffnung Lehrerin sein und ihr Traum sich erfüllen. Und so lernte sie neben den Seminarthemen auch die innerschulischen Gepflogenheiten, egal wie sinnvoll sie ihr erschienen, und bewegte sich letztendlich zielsicher durch die Schule – Lehrer und Schüler simultan grüßend, Schlüssel, Kopierkarte und Kreide stets bei der Hand und die Augen immer entsprechend ihrer Aufsichtspflicht wachsam umherschweifend.

Dennoch zogen beunruhigend dunkle Wolken durch ihr sonniges Gemüt – das Ende des Referendariats nahte und die Einstellungsprognosen waren düster. Man sagte ihr, dass es zu viele Deutschlehrer gäbe, Latein sei out, warum sie denn nicht Spanisch studiert hätte und Musik sei ja eigentlich kein richtiges Fach. So wie Kunst, Ethik oder Religion – nicht zwingend notwendig. Ob sie es sich nicht vorstellen könnte, an der Grundschule Sachkunde und Werken zu unterrichten. Diese Frage bereitete Hoffnung viele schlaflose Nächte: Sollte sie ihren großen Traum aufgeben, um wenigstens einen halben zu leben? Ist es besser irgendwelche Kinder in beliebigen Fächern zu unterrichten, als gar keine? – Eine schwere Entscheidung, vor der sicher noch der eine oder andere vor uns steht.

Doch wie hat Hoffnung sich entschieden?

Als ich Hoffnung kennenlernte, war sie bereits eine betagte alte Frau mit weißem Haar und einem Gesicht voller Runzeln. Sie saß in ihrem Schaukelstuhl am Fenster und erzählte mir von ihren zahlreichen Enkelkindern, und wie sie von ihnen auf Trab gehalten wurde. Hoffnung hatte einen unerschöpflichen Vorrat an Geschichten über ihre vielen Reisen und was sie dort alles erlebt hatte. Nicht müde wurde sie mir ihren ausufernden wunderschönen Garten zu zeigen oder verträumt den Ausblick aus dem Fenster zu genießen. Hoffnung erweckte auf mich immer den Eindruck, dass sie das Leben in vollen Zügen genossen hatte und keinen Tag bereute.

Ob sie tatsächlich Lehrerin geworden ist oder in welcher Schulart, weiß ich eigentlich gar nicht. Einmal verirrten sich ihre Gedanken viele Jahre zurück und sie erzählte mir die Geschichte, die ich heute auch euch berichtet habe. Natürlich wollte ich wissen, wie sie sich nun entschieden hatte. Doch sie hat mir von so vielen anderen Abenteuern berichtet, dass sie irgendwann einschlief und ich sie nicht wecken wollte.

Ganz sicher weiß ich aber, dass Hoffnung auf ein glückliches Leben zurückschauen konnte. Egal wohin der Weg uns noch führen wird. Ob wir Lehrer an der Grund-, Förder- oder Oberschule werden oder es uns gar an eine der begehrten Gymnasialstellen führt. Selbst wenn einige von uns nach dem ganzen Theater gar keine Lehrer werden. – Ich wünsche uns auf jeden Fall, dass wir auch einmal so viele Geschichten zu erzählen haben und dass wir eines Tages von uns behaupten können, ein glückliches Leben geführt zu haben.

In diesem Sinne gratuliere ich allen Anwesenden zu ihrem bestandenen Examen – lasst euch von niemandem einreden, dass ihr das Falsche studiert habt, nur weil die Welt noch nicht bereit für uns ist.

Advertisements

17 Kommentare zu “Weekly Dose Schooltalk – Meine Abschlussrede

  1. *Standing ovation darbiet*
    Eine wirklich sehr, sehr schöne Rede, die jedem/jeder Lehrer/in, Referendar/in und auch Studenten/Studentin Mut macht, weiter zumachen. Nicht die Hoffnung zu verlieren.
    Und gerade mit dem letzten Absatz hast du Recht: Wenn man Spaß am Studium und besonders an seinen Fächern hatte, kann man gar nicht das Falsche studiert haben!

    LG
    DarkFairy
    (ihres Zeichens hoffentlich ab Januar Referendarin für Bio und Chemie)

    • hihi, dankeschön :-)))

      Hatte tatsächlich auch Standing ovations.
      Drück dir auf jeden Fall ganz doll die Daumen! (und mir aauch, dann ich hab noch keinen Arbeitsvertrag für das nächste Schuljahr…)

  2. Eine wundervolle Rede, die einem aus dem Herzen spricht. Solche engagierten Lehrer wie dich brauchen wir. Alles Gute für deine Zukunft und ich hoffe, dass Du bald einen Arbeitsvertrag in der Hand hältst.

  3. Eine wunderschöne Rede und sehr motivierend. Es kann wirklich niemand sagen wie sich alles letztendlich findet.
    Ich wünsche Dir alles Gute und hoffentlich hast du bald eine positive Rückmeldung arbeitsmäßig.

    • dankeschön! Jab, sind alle aufgestanden und haben geklatscht – hab selbst fast geheult. War alles ganz furchtbar 😉

      Hab mittlerweile selbst eine Stelle – an einem beruflichen Gymnasium mit Fachoberschul-Zweig. Aber nicht staatlich. Die Rede wird in einem Jahr immer noch aktuell sein, die armen Referendare müssen dann wieder durch die Nicht-Einstellungs-Hölle 😦

  4. Es ärgert mich ein wenig, dass ich die Rede „nur“ lesen konnte. Als meine Liebste mir erzählt hat, dass Du die Abschlussrede gehalten hast, war mir schon klar, dass das episch wird … *Daumen hoch – beide*

  5. Ich habe mir deinen Weg zur Lehrerin gerade durchgelesen und muss deinen Blog unbedingt einer Freundin empfehlen, die gerade in einer Sinnkrise steckt und das, obwohl sie die „erfolgsversprechende“ Fächer Mathe und Chemie auf Lehramt studiert. Deine Artikel machen Mut! Dir alles Gute!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s