Schülerarbeiten zum Thema Amoklauf Teil 1

Heute ist der zweite Tag meiner Blogwoche zum Thema Amoklauf und ich werde euch einige Schülerarbeiten dazu präsentieren. Meine Ethik-11er hatten im Dezember die Aufgabe bekommen, sich mit dem Spannungsverhältnis Freiheit-Determination-Verantwortung am Beispiel von Amokläufen in der Schule auseinander zu setzen. Thema des ersten Kurshalbjahres ist nämlich Freiheit und Determination und ich denke, dass man dieses Thema sehr gut an einem derart umstrittenen Thema nachweisen kann. Meine Schüler/innen haben dazu ganz unterschiedliche Präsentationsformen gewählt, es gab einige Plakate, ein Gedicht, eine Hand voll Kurzgeschichten und viele Abschiedsbriefe. Ich fand viele Ideen und die Umsetzung sehr eindrucksvoll und werde euch nicht länger auf die Folter spannen!

1. Ein Abschiedsbrief

Mom,

ich schreib dir diese Zeilen, obwohl ich genau weiß, dass wenn du das liest, ich schon nicht mehr existieren werde und hoffentlich habe ich die Welt ein Stückchen besser gemacht. Ich wollte dir nur sagen, dass das, was geschehen wird, nicht deine Schuld ist, auch wenn ich weiß, dass du dir genau das einreden wirst, aber es gibt nichts, was du hättest tun oder sagen können, um mich zu stoppen.

Die Schuld tragen andere Leute oder möglicherweise gehöre ich einfach nicht in diese Welt, weil ich nicht verstehen kann, wie die anderen das aushalten. Dennoch bin ich nicht die Einzige, die sich so fühlt. Ich habe online andere Menschen gefunden, denen es ganz ähnlich geht und diese haben mich auch auf die Idee gebracht, das Ganze zu beenden. Endlich. Also mach mir keine Vorwürfe.

Ich hab dich lieb! Vergiss das nie, egal, was die Anderen sagen werden! A.

A. hat sich in diesem Abschiedsbrief mit den Gründen für den Amoklauf und den Gefühlen eines Täters/einer Täterin auseinander gesetzt. Er wurde an die Mutter geschrieben, damit diese sich keine Vorwürfe macht und um ihr die Trauerarbeit zu erleichtern.

Wie viele Amokläufer denken wohl an ihre Eltern oder Personen, die sie lieben?

2. Ein Schema zum Amoklauf

Schema Amoklauf

B. ist das Thema schematisch angegangen und hat sich die Faktoren angeschaut, die alle eine Rolle spielen und versucht, dafür Beispiele zu finden. Es ließen sich natürlich noch mehr Beispiele zu den 7 gewählten Faktoren finden, aber es ist ein übersichtliches Schema (bitte keine Kommentare zur Rechtschreibung!).

3. Eine Kurzgeschichte

Und dann wurde es rot

Schwarz gekleidet zieht sie den Stuhl zurück. Sie setzt sich. Stille liegt im Saal. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Man vergleicht ihre Personalien. Sie antwortet: „Stimmt!“. Sie beginnt zu erzählen.

Er sollte zur täglichen Übung an die Tafel kommen. Alle waren sehr erleichtert, denn Daniel und ich waren die besten in Mathematik. Die anderen hatten nie etwas verstanden, da sie sich ständig mit anderen Dingen beschäftigen mussten. Sebatian saß rechts von mir in der Türreihe. Er sagte zu Max, seinem besten Kumpel, dass er froh sei, dass er nicht nach vorn müsse, denn er habe für Mathe wie immer nichts getan, weil er gestern seine Freundin Lisa geknallt habe. Für diese Äußerung bekam er von ihr eine auf dem Hinterkopf. Sie saß hinter ihnen. 

Herr Köchler stellte uns einige Aufgaben. Ich begann zu schreiben. Nach jeder Aufgabe blickte ich kurz durch die Klasse und sah wie Kim, meine Banknachbarin, ständig den Tintenkiller benutzte und letztendlich doch alles durchstrich. Sie konnte keine Aufgabe lösen, und wenn sie etwas stehen hatte, dann ein ohne Rechenweg abgeschriebenes Ergebnis. Ich konnte auch auf Sebastians Blatt schauen, aber er hatte ja noch nicht einmal einen Kugelschreiber in der Hand. Sein Motto:“Wenn ich nicht will, fange ich gar nicht erst an.“ Sein Papier war weiß.

Herr Köchler, sowie andere Lehrer, sagten schon lang nichts mehr. Sie gaben es auf Schüler zu ermahnen. Es wirkte schon so, als wären wir Schüler den Lehrern völlig egal.

Das Schreiben hinter der Tafel hörte man kaum, nur wenn es mal einen einzigen Moment leise war, was so gut wie nie vorkam. Wir verglichen die Aufgaben. Daniel hatte die gleichen Lösungen wie ich. Alle Aufgaben richtig. Sebastian nutzte diese Möglichkeit, um ihn natürlich wieder vor der ganzen Klasse aufzuziehen. Die ganze Klasse lachte immer über seine unqualifizierten Äußerungen. Auf mich hatten sie es noch nie abgesehen, immer nur auf Daniel. Das verstand ich nie, da Daniel und ich immer annähernd gleich gut waren. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Daniels Familie auf einen Bauernhof in der Umgebung lebte und sein Vater nur ein Jäger war und kein Steurebarater, so wie Sebastians Vater.

Daniel rückte seine bereits zu klein gewordene Brille wieder auf die Nase und setzte sich auf seinen Platz. Unglücklicher Weise kam er nach den Ferien zu spät in die Schule, so dass kein anderer Platz mehr frei war, als der vor Sebastian und Max. Sebastian und Max zogen ihn noch ein wenig auf und beleidigten ihn, wie immer. Herr Köchler bekam es anscheinend mit, aber wie vorhin gesagt, es interessierte die Lehrer nicht mehr, was mit uns Schülern ist.

Ich mochte Daniel eigentlich. Er war zwar sehr schüchtern und man musste ihn, wenn man etwas erfahren wollte, immer alles aus der Nase ziehen. Das störte mich aber nicht. Ich gab mich nur nicht immer mit ihn ab, denn ich wollte nicht auch noch Probleme mit Sebastian und seiner Gang haben. Daniel hatte sich in den letzten Wochen noch mehr zurück gezogen. Er sagte schon so kaum etwas, aber es schien mir, als sei er noch stiller geworden. Es war schon fast unheimlich in sein trauriges, von Wut angehauchtes Gesicht zu schauen. Aber ich dachte mir nichts dabei. Aber irgendwann machte ich mir ernstahft Sorgen um alles. Das Traurige verschwand immer mehr, bis zu dem Tag als es geschah.

Eine Woche später in Mathematik kramte er plötzlich nervös und anscheinend ohne einen Gedanken in seinem notdürftig geflickten Schulranzen. Ich fragte mich, was er denn suche, denn ausgepackt hatte er wie immer alles. Doch dann blitzte ein Stück Metall. Erst war ich mir nicht sicher, was es war, doch dann sah es die ganze Klasse eindeutig. Er hielt eine Waffe in der Hand. Herr Köchler streckte seine Hände nach oben. Sie sah grauenvoll aus. Doch Sebastian und Max machten weiterhin ihre Witze darüber, dass dies keine echte sei und wenn, dann wäre er sowieso nicht in der Lage abzudrücken. Diesmal fand es niemand lustig. Und plötzlich fiel ein Schuss. Wir zuckten alle zusammen und schlossen reflexartig unsere Augen. Als ich sie wieder aufmachte, lag Sebastian mit blutigem T-Shirt regungslos am Boden. Lisa fing an zu schreien. Das Drama nahm kein Ende. Er feuerte eine Kugel nach der anderen, ohne großartig darüber nachzudenken.

Herr Köchler fiel. Alle fielen. Alles rot. Letztendlich auch ich. Mich hatter er am Arm getroffen. Ich lag am Boden. Mein Arm war rot. Der Boden war rot. Alles war rot. Und dann nahm er keinen Halt. Auch er fiel. Ich wurde bewusstlos. Als ich zu Bewusstsein kam, hörte ich wie sich meine Mutti bei Papa ausweinte und sagte:“Und dieses Schwein lebt auch noch!“ Daniel hat überlebt. Nur wir zwei. Alle anderen tot.

Im Gerichtssaal ist es still. Tränen flossen reichlich. Daniel zeigte keine Reaktion. Nichts. Sie ziehen sich zum Urteil zurück.

C. möchte mit dieser Kurzgeschichte aufzeigen, dass auch vermeintlich „kleine“ Dinge, z.B. Hänseleien, die nahezu zum Alltag gehören, großen Schaden anrichten können. Es ist ein Appell an alle Menschen, in sich zu gehen und über ihre Handlungen und Äußerungen nachzudenken. Denn das Fass kann jederzeit überlaufen, wie man an der steigenden Zahl von Amokläufen sehen kann.

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15 Kommentare zu “Schülerarbeiten zum Thema Amoklauf Teil 1

  1. Meine Herrn…. tolle Beiträge!
    Einen Denkanstoß habe ich auch mitgenommen. Empfinden Amokläufer noch etwas für Eltern, Angehörige, Freunde? Meine Vorstellung war immer, dass sie sich schon vorher von jeglichen, vor allem positiven Gefühlen abgekoppelt haben…
    LG
    Tanja

    • Das hätte ich auch gesagt. Bzw. ist das Verhältnis zu den Eltern ja meistens vorbelastet. Liegt aber vielleicht auch daran, dass Amokläufer in der Regel männlich sind und diese vielleicht keine derartigen Briefe an die Mutti schreiben würden. Meine Schüler sollen ja anonym bleiben, aber es ist tatsächlich der Brief eines Mädchens und daher finde ich diese Perspektive auch sehr interessant!

  2. Die Kurzgeschichte ist ja der Hammer… Weißt Du durch Zufall, warum das Mädchen und der Amokläufer überlebt haben… Wurde das begründet?

    • Nein. Es wurde einiges offen gelassen. Das Mädchen musste natürlich überleben, damit man eine Erzählperspektive hat. Und das Überleben des Amokläufers macht die Geschichte natürlich irgendwie absurd, denn für die Betroffenen ist dies sehr ungerecht.

    • ;-P Ich hab noch andere tolle, aber die sind wirklich verdammt lang. Bin schwer am überlegen, ob ich am Wochenende noch die längeren Sachen posten soll… (und damit meine ich wirklich lang und scroll-intrensiv)

  3. Ich finde einen Teil der Kurzgeschichte wirklich sehr bemerkenswert:
    [ ”Und dieses Schwein lebt auch noch!” Daniel hat überlebt. Nur wir zwei. Alle anderen tot. ]chöne
    Darüber muss man ja mal nachdenken! Ich meine, wir sehen die Geschichte, dass ein Junge außer Kontrolle geraten ist und eine ganze Klasse niedergemetzelt hat. Und am Ende hat er auch noch überlebt. Ein Schlag ins Gesicht aller zurückgebliebenen Eltern und Familien… Manch einer wird wohl sagen, dass das ungerecht ist.
    Aber sehen wir doch mal auf die andere Seite: Warum hat Daniel das denn überhaut getan? Richtig, weil das Leben auch ungerecht ihm gegenüber war. Das rechtfertigt diese Tat nicht, aber alles was unter Druck steht, brauch ein Ventil oder es platzt. Und das ist Passiert.
    Die Eltern finden es unfair, dass der Mörder überlebt hat. Nun, was soll man dazu sagen? Ich denke Daniel findet es bestimmt auch nicht toll, dass er noch am Leben ist. Was soll denn aus ihm werden? Was für ein Leben soll er führen? Ist sein Schicksal nicht sehr viel schlimmer? Er lebte sein Leben und begegnete nur Hass. Er fand nichts Schönes daran und wollte es beenden. Und vorher? Seine Tat? Wer mag denn beurteilen, ob es Rache war, oder ob er nur dafür sorgen wollte, dass keinem wieder passiert, was ihm widerfahren ist!?
    Jetzt lebt er immer noch, obwohl er das nicht wollte. Und was soll jetzt besser sein als vorher? Alle Leute begegnen ihm wieder mit Hass, aufgrund dessen, was er getan hat. Für ihn wird sich nichts ändern, nur dass die Menschen jetzt scheinbar einen „richtigen“ Grund gefunden haben ihn zu hassen. Das ist ein sinnloser Kreislauf!
    Keiner verdient sein Schicksal, aber jeder eine zweite Chance.

    • Diese Seite wurde auch sehut gut in dem Buch hervorgehoben, welche ich verlost habe: „Es wird keine Helden geben“. Das Mädchen muss zusehen, wie der Amokläufer ihren Freund erschießt. Natürlich sagt sie zuerst „Wie konnte er nur“ und „das Schwein“. Aber im laufe des Buches (und im Laufe ihrer Trauerbewältigung) macht sie sch immer mehr bewusst, dass sie den Jungen auch gehänselt und gemobbt hat. Und zum Schluss gibt sie sich selbst einen teil der Schuld an dem Unglück. Weil sie alle sich nämlich echt Scheiße verhalten haben. Aber diese Erkenntnis kommt halt meistens zu spät 😦

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