“Daydreams – true or false” #Kapitel 4

Leider ziemlich verspätet, aber ich muss auch gestehen, dass ich nach London ständig unterwegs war und dann will auch noch diese völlig überflüssige Examensarveit geschrieben und die ersten Stunden für das neue Schuljahr vorbereitet werden. Daher bin ich mit meiner Novelle leider ziemlch spät dran und die Rezensionen stauen sich auch bei mir. Ich gebe mir Mühe! Versprochen!

Hier aber zunächst einmal das vierte Kapitel meiner Romantasy-Novelle „Daydreams“. Ich wünsche euch viel Spaß damit!

Kapitel 4

Am nächsten Morgen trat genau das ein, was June mehr oder weniger vorausgesehen hatte. Lillian stand vor dem Kleiderschrank und konnte sich partout nicht entscheiden. Tags zuvor hatte sie ganz lässig eine ¾ Jeans, ein T-Shirt mit kleinen Rüschen an den Ärmeln und Sneakers getragen und scheinbar hatte es Dorian nicht gestört oder? Er hatte ja schließlich sie angeschaut und nicht June!? Etwas mutiger entschied sie sich daher für ein schulterfreies weißes Leinenkleid mit roten Punkten. Dazu rote Ballerinas mit einer Schleife. Darin gefiel sie sich sehr gut; sie sah mädchenhaft und verspielt aus und fühlte sich durch das Kleid und dessen Rottöne weiblich und verführerisch. Abschließend trug sie ein leichtes Make-Up auf und ließ ihre Haare offen. Als Lillian sich im Spiegel betrachtete, dachte sie im ersten Moment sie hätte etwas dick aufgetragen, doch dann machte sie sich selbst Mut und empfand alles in allem als ein ziemliches Mädchen-Power-Outfit. Entsprechend gestärkt verließ sie das Haus und machte sich gefasst auf einen wohl sehr langen Schultag.

~*~

Christa war an diesem Tag ziemlich pünktlich und hatte sich die ganze Story mittlerweile schon zweimal von June erzählen lassen. Was sie natürlich nicht davon abhielt, Lillian trotzdem mit Fragen zu bestürmen. So war diese heilfroh, als es endlich zur ersten Stunde klingelte. Den ganzen Rummel fand sie schon etwas übertrieben, schließlich war sie Dorian ja erst am Vortag kurz begegnet war. Außerdem hatte sie sich fest vorgenommen, heute über die Traumgeschichte zu sprechen. Aber würden ihr die beiden überhaupt zuhören?

Während der Französischstunde tuschelten June und Christa die ganze Zeit miteinander, und warfen gleichzeitig Lillian verstohlene Blicke zu. Beiden war natürlich aufgefallen, dass sie heute nicht sportlich-leger gekleidet war und sich stattdessen „in Schale geworfen“ hatte. Aber wenn man bedenkt, dass es bei Männergeschichten normalerweise nie um sie ging, konnte das jetzt auch mal ausgiebig zelebriert werden. Solange sie dabei ihren Spaß haben, dachte Lillian und seufzte. Natürlich hatte ihr Französischlehrer, Herr Klausen, gerade in dem Moment etwas zu der neuen Sprachübung erzählt und schaute Lillian fragend an. „Haben sie noch etwas hinzuzufügen Frau Edelius?“ Lillian wurde zum wiederholten Male innerhalb der letzten 24 Stunden tiefrot und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie wusste nämlich gar nicht, um was es gerade ging und vor allem war ihr nicht bewusst gewesen, dass sie wohl gerade laut gestöhnt hatte.

Den Rest der Stunde versuchte sich Lillian auf das Wesentliche zu konzentrieren und fleißig mitzuarbeiten. Irgendwie musste sie den Tag schließlich auch rum kriegen. Sie fieberte dem Ende des Schultages entgegen, vor allem auch weil bis dahin noch 10mal die ganze Geschichte von vorn erzählt und alle möglichen Dialogoptionen von ihren Freundinnen durchgegangen werden mussten.

Als Lillian es endlich geschafft hatte, musste sie aber noch die eine oder andere Bedingung akzeptieren. Zum einen durfte sie heute Christa mitschleifen, da diese den jungen Adonis nämlich auch kennenlernen wollte. Zum anderen verabredeten die drei, dass sie sich anschließend bei June treffen würden um weitere Schritte zu planen. Lillian fand die ganze Geschichte ziemlich affig, aber das konnte sie nun nicht mehr ändern. Und da sie immer noch ihre wirren Träume besprechen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig als sich auf ein weiteres Treffen mit den neugierigen Hühnern einzulassen. Denn auch wenn es ihr nicht passte, so oft im Mittelpunkt zu stehen, so wäre das alles ohne die Freundinnen doch noch wesentlich unerträglicher: die Warterei, die Ungewissheit und das Bedürfnis sich irgendjemandem mitzuteilen wären die reine Folter. Es ist wie Pest oder Cholera, seufzte Lillian in Gedanken, wenn ich mich beiden anvertraue, werden sie mich definitiv bis ins kleinste Detail löchern; aber wenn ich alles für mich behalte, habe ich auch keine Hilfe zum Interpretieren dieser merkwürdigen Träume. Beides hatte irgendwie seine Vor- und Nachteile; doch wofür entscheiden!? Und so machten sich die beiden direkt nach der Schule auf den Weg in die Buchhandlung. Lillian war hin und her gerissen von dem Bedürfnis, den jungen Mann wiederzusehen und einem unnatürlichen Fluchtinstinkt. Je näher sie dem Geschäft kamen, desto heftiger schlug ihr Herz. Schmetterlinge im Bauch nannte man das wohl – oder Lampenfieber? Endlich an der Schwelle zur Tür angekommen, überkam sie eine grenzenlose Übelkeit.

„Du, ich halte das doch für keine gute Idee. Denkst du nicht es wäre ziemlich aufdringlich, wenn ich heute schon wieder hier auftauche? Ich bin doch kein kleines verknalltes Mädchen. Lass uns wieder verschwinden und wann anders wiederkommen!“

„Nichts da!“ antwortete Christa bestimmt und betrat den Laden, während Lillian weiterhin unschlüssig davor stand und überlegte, was sie tun sollte. Dorian kannte Christa nicht, es würde also nichts passieren, wenn sie einfach abhaute. Das wäre allerdings ziemlich kindisch. Lillian gab sich einen Ruck und folgte ihrer Freundin.

Drinnen war es angenehm kühl und Lillian bemühte sich ganz ruhig zu bleiben. Ihr Herz galoppierte ihr nämlich fast davon und sie sah sich gehetzt zwischen den Regalreihen um. Sie schalt sich selbst, weil sie sich nun wirklich kindisch benahm. Nur weil er sie gestern etwas länger angesehen hatte, wollte er sie bestimmt nicht gleich heiraten. Kein Grund zu Panik!

Aber er war gar nicht da. Weit und breit war niemand auszumachen, was ihr einen unangenehmen Stich versetzte. Er. Ist. Nicht. Hier!

„Sucht ihr etwas Bestimmtes?“ fragte die Dame an der Kasse. Heute war es nicht Frau Meyer, was Lillian etwas erleichterte. Diese wüsste nämlich ganz genau, warum die Mädchen hier auftauchten und sie wollte nicht, dass sich schon wieder jemand über sie lustig machte. Die Situation war schließlich schon nervig genug, vor allem störten sie ihre eigenen verwirrenden Gedanken.

„Nein, ich, wir haben uns gestern mit einem ihrer Mitarbeiter unterhalten und, äh, wollten demnächst mal was zusammen unternehmen. Er ist in etwa in unserem Alter, aber wir haben keine Nummern ausgetauscht, daher dachten wir, dass wir einfach nochmal vorbei schauen“, dachte sich Christa spontan geschickt aus.

Die Verkäuferin, ihrem Namensschild nach Frau Spann, runzelte die Stirn. „Dorian Miller meint ihr?“

„Ja, genau den!“

„Der hat heute seinen freien Tag. Soll ich ihm etwas von euch ausrichten?“

„Nein, das wird wohl nicht nötig sein. Aber danke!“ sagte Christa und schleifte Lillian wieder aus dem Geschäft. Diese war ziemlich schweigsam und versuchte noch zu verarbeiten, dass der ganze Ärger eigentlich umsonst gewesen ist. Während sie draußen standen, rief Christa June an und informierte sie über den Rückschlag. Die Mädchen wollten am Nachmittag dennoch etwas gemeinsam unternehmen, aber Lillian sagte ab. Sie wollte lieber nach Hause, vielleicht noch ein paar Fotos machen oder bei ihrer Mom aushelfen. Hauptsache nicht schon wieder über diesen Typen reden, das war bestimmt alles vergebene Liebesmüh. Sie war so deprimiert, dass sie keine Lust hatte, ihnen stattdessen von ihren Schlafproblemen zu berichten.

So trennten sich die Mädchen und Lillian schlenderte nach Hause. Ganz in Gedanken versunken, merkte sie zunächst nicht, dass sie verfolgt wurde. Als sie endlich aus ihren Gedanken erwachte und sich umsah, erblickte sie – ihr Herz setzte erneut für Sekunden aus – Dorian hinter sich.

„Hey“, begrüßte er sie fröhlich. „Ich war gerade im Laden, weil ich vergessen hatte mir meine Arbeitszeiten aufzuschreiben. Die Spann meinte, dass zwei Mädchen nach mir gefragt hätten, also dachte ich mir, ich schau mir das mal an!“

Unsicher, wie sie dem Gespräch am besten eine interessante Wendung geben konnte, standen sie sich gegenüber und Lillian starrte ihn an. Obwohl Anstarren nicht das richtige Wort war. Sie verlor sich in den Tiefen seiner Augen.

„Hi, ja, also“ sie räusperte sich. Mit etwas mehr Mut, schließlich hatte sie doch extra deswegen ihr Girl-Power-Outfit angezogen, wagte sie einen Vorstoß. „Wir wollten noch mal hallo sagen. Naja, eigentlich wollte ICH dich fragen, ob wir mal zusammen ins Kino gehen könnten oder so“ und schaute erwartungsvoll zu ihm auf.

Dorian grinste. Er sah sehr zufrieden aus, als ob er ganz genau wüsste, was in ihrem Inneren vorging. Lillian wertete das als positives Zeichen, denn sie hatten sich beide von Anfang an füreinander interessiert. „Gerne. Aber ich habe noch einen besseren Vorschlag. Hast du heute Nachmittag schon was vor?“

„Eigentlich nicht, nein.“

„Gut, dann lass uns doch ein wenig durch die Stadt schlendern oder ein Eis essen. Ich würde dich nämlich gern etwas besser kennenlernen.“

Lillian konnte ihr Glück kaum fassen und strahlte über das ganze Gesicht. „Na klar!“

Und so gingen sie lange Spazieren, sie merkte gar nicht wie die Zeit verging. Dorian erzählte, welche Städte er nach seinem Abschluss besucht und in welchen Jobs er ein wenig Geld verdient hatte. Sie staunte bei jeder Geschichte und bewunderte seinen Mut. Er war eher so ein Weltenbummler wie Christa, immer auf Achse, ständig neue Dinge erleben. Lillian war dahingehend sehr heimatverbunden, entdeckte allerdings auch fast täglich neue Welten. Nämlich immer dann, wenn sie durch ihre Kamera schaute, sah sie die Welt mit anderen Augen. Dazu musste sie nicht umher reisen. Jeder Tag, jeder Mensch, jede Einstellung, lieferten etwas Neues, Einzigartiges. Daher erzählte sie ihm viel von ihrem Hobby, was sie den Sommer über getrieben hatte, welche Bücher sie liebte. Dorian war ein aufmerksamer Zuhörer, sagte immer das Richtige und sie fühlte sich pudelwohl. Ein perfekter Tag!

Umso überraschter war sie, als plötzlich die Sonne weg war und sie auf die Uhr schaute. „Oh, schon fast 8. Ich sollte schon längst zuhause sein.“ Da fiel ihr auf, dass das irgendwie uncool klang und fügte hastig hinzu. „Du musst wissen, meine Eltern und ich haben so ein Ritual, dass wir immer gemeinsam zu Abend essen und uns über die Ereignisse des Tages austauschen. Sie halten es für eine gute Idee, damit man nicht irgendwann aneinander vorbei lebt. Naja, ich habe nicht angerufen und gesagt, dass es später wird. Sie sollen sich nicht noch Sorgen machen!“

„Ist doch in Ordnung. Ich hab auch völlig die Zeit vergessen und bin mittlerweile auch ziemlich hungrig. Aber wir ich habe unser Gespräch sehr genossen und wollte dich unbedingt besser kennenlernen.“ Nach einer Pause, mit seinen nun schon gefürchteten tiefen Blicken, fügte er hinzu „Das würde ich gerne bald wiederholen.“

Sie sahen sich schweigend an. Sie wusste, dass sie es nicht übertreiben durfte, aber verlassen wollte sie ihn noch weniger. In diesen Stunden war er ihr so sehr ans Herz gewachsen, als ob er schon immer dort gewesen wäre. „Am Wochenende ist Stadtfest. Wenn du Lust hast, können wir uns die Buden und Schausteller anschauen. Du musst wissen, bei uns ist das eine alljährliche Tradition und es geht ganz schön bunt zu.“

„Na dann ist das doch abgemacht. Pass auf, ich geb dir meine Nummer und du meldest dich, wenn du Zeit hast und ich sag dann Bescheid, wie ich arbeiten muss, okay?“

„Super! Ich freu mich!“ rief sie enthusiastisch und beschloss sich dann doch wieder etwas zu bremsen. Nur nicht so voreilig, er soll dich ja nicht für bedürftig halten.

„Gut, ich bring dich noch nach Hause, wenn du nichts dagegen hast. Dann weiß ich nämlich auch gleich, wo ich dich am Samstag abholen muss!“

Für Lillian fühlte sich das alles wie ein Traum an. Diesmal jedoch wie ein sehr, sehr schöner Traum und nichts im Vergleich zu dem, was sie die letzten Nächte so verfolgt hatte. Beim Gedanken an die kommende Nacht verfinsterten sich unweigerlich ihre Züge. Sie hatte mittlerweile richtig Angst überhaupt einzuschlafen. Ob die Stunden mit Dorian sie wohl ausreichend ablenken würden? Wenn sie mit ihm zusammen war, fühlte sie sich so sicher und stark, jetzt da sie nicht mehr daran zweifeln musste, ob er ähnlich empfindet. Da war definitiv ein unsichtbares Band zwischen ihnen. Daher hoffte sie inständig, dass sie diese Nacht vielleicht von Dorian träumen durfte!

Den Weg zu ihrem kleinen Reihenhäuschen bestritten sie ziemlich schweigend. Aber es war kein unangenehmes Schweigen. Als würden sie sich immer noch etwas sagen. Jeder hing in seinen  Gedanken den vergangenen Stunden hinterher und genoss einfach die Gegenwart des anderen. Vor ihrem Hauseingang angelangt, blieben sie stehen und sahen sich an. Diese Momente, waren für Lillian so verwirrend, wenn er sie mit diesem durchdringenden Blick bedachte, der sie bis ins Mark berührte. Zumindest stellte sie sich das so vor. Sicher war nur, dass sie ganz anders fühlte, als sie es jemals getan hatte und diese ganze Verliebtheitsgeschichte für sie vollkommen neu war. Es fühlte sich gut und verunsichernd zugleich an.

Zum Glück wusste Dorian, was zu tun war und nahm die Situation buchstäblich in die Hand. Er ergriff nämlich ihre, massierte mit dem Daumen leicht ihre Handflächen und zog sie leicht zu sich heran. Jetzt passiert es, dachte sie. Das könnte der Kuss werden, den ich mir schon immer vorgestellt habe!

Doch Dorian machte ihr einen Strich durch die Rechnung. Er küsste sie sanft auf die Stirn, seine Lippen verweilten dort einen süßen Moment, dann trennte er sich wieder von ihr. „Bis Samstag“ sagte er sanft. „Und meld dich bei mir!“

Dann drehte er sich um und ging davon. Lillian stand wie versteinert noch einige Minuten an dieser Stelle und sah ihm verwirrt nach. Sie konnte immer noch seine warme Hand auf der ihren spüren. Dieser verfluchte Dorian hatte sie genau da, wo er sie haben wollte und dann küsste er sie nicht!? Frustriert marschierte sie ins Haus.

Diesen Abend war Lillian ziemlich unausgeglichen. Ihre Mom sorgte sich um sie und fragte sie abermals vorsichtig nach dem Albtraum. Lillian war jedoch ganz woanders. Nach wie vor stand sie mit Dorian auf dem Fußweg in der Dämmerung und wartete darauf, dass er sie küsste. Ihr Magen zog sich zusammen. Aber er tat es nicht. Am liebsten hätte sie ihn gleich angerufen oder eine SMS geschrieben. Sie war so irritiert und unruhig, weil sie nicht wusste, ob sie etwas falsch gemacht hatte. Mochte er sie denn nicht? War ein Typ, der so gut aussah und etwas rumgekommen ist, wirklich altmodisch und ließ es langsam angehen? Ihre Gedanken machten sie selbst unzufrieden. Sie würde es morgen mit June und Christa besprechen. Das war ja reine Folter. Und bis zum Wochenende vergingen noch einige Tage. Ungeduld machte sich in ihrem jeder Faser ihres Körpers breit. Nach dem Essen verschwand sie in ihrem Zimmer. Hin und her gerissen zwischen der Freude über den tollen Nachmittag und dem unbefriedigenden Abschiedskuss lief sie auf und ab. Zum Schluss schnappte sie sich ihre Kameratasche und sagte ihren Eltern, dass sie ein paar Aufnahmen von den Gärten im Mondschein machen wollte. Beim Fotografieren ist sie bisher immer zu klaren Gedanken gekommen und der Mond war tatsächlich perfekt, um ein paar gute Aufnahmen zu machen.

Ihre Eltern hatten natürlich nichts dagegen, sie war 17 und die beiden unterstützten ihr Hobby schon, seit dem Lillian zum ersten Mal bei ihrer Mom im Fotoladen ihren Faible für Kameras entdeckt hatte. Lillian machte sich also in die Spur und hoffte in Ruhe Nachdenken zu können. Das Wetter war perfekt, nach einigen Aufnahmen von ihrem eigenen und den Gärten der Nachbarn, mit wunderschönen violetten Blüten im silbrigen Mondlicht, erwachte in ihr die Neugier für das Stadtleben bei Nacht. Sie war zwar schon oft abends weggegangen und auch mal länger weggeblieben, als gut für sie war, aber mit ihrer Linse hatte sie die anderen Nachtmenschen noch nicht eingefangen. Sie war gespannt darauf, was sie als stille Beobachterin alles entdecken würde.

Zunächst verschlug es sie in die Straße, in der sich der Buchladen befand. Was auch sonst, aber sie versuchte sich nicht viel dabei zu denken. Um diese Uhrzeit waren die Läden bereits geschlossen und es bestand keine Hoffnung, dass sie Dorian diese Nacht noch einmal begegnete. Die Geschäfte in der Straße waren allesamt nichts Besonderes und so zog es sie weiter in Richtung der Cafés, Kinos und Bars. Viel los war hier noch nicht, es war auch erst kurz vor 22 Uhr. Zwar gab es einige verliebte und tuschelnde Pärchen, die Lillian heimlich aufnahm, aber es war nicht das, was sie wollte. Auf den Straßen und Fußwegen war kaum Verkehr und so konnte sie sich frei bewegen. Wie immer, wenn sie tatsächlich mal nachts die Kamera dabei hatte, versuchte sie sich an verschiedenen Aufnahmen der Straßenlaternen. Sie hatten etwas Romantisches an sich. Wie das Pärchen in Paris, was vor dem Hintergrund eines Bistros an einer Straßenlaterne lehnte und sich küsste. Mit solchen Bildern konnte sie June und Christa immer zum Seufzen und Schwärmen bringen. Zum Glück war sie mit einem gewissen Talent gesegnet und wusste allmählich in welchem Moment man auf den Abzug drücken musste. Aber das perfekte Bild, war ihr noch nicht gelungen, irgendwie hatte sie noch nicht das richtige Motiv gefunden. Als sie an einer Seitengasse vorbeikam, flitzte eine Ratte über den Weg und verschwand im Abfall. Da hatte Lillian eine Idee. Wie wäre es mit einer Fotomontage, das glitzernde Nachtleben und daneben den Hinterhof. Das gefiel ihr. Sie sah einmal kurz über die Schulter und vergewisserte sich, dass sie niemand dabei beobachtete, wie sie in den Hinterhof ging. Es sollte niemand denken, dass sie etwas Verbotenes machte oder so. Das gab dann nur Gerede und war das Letzte, was ihr jetzt noch an Merkwürdigkeiten fehlte.

Vorsichtig bewegte sich Lillian auf den Abfallhaufen zu – die Kamera im Anschlag. Die Ratte sollte an Ort und Stelle bleiben, vielleicht gelang es ihr ja, das pelzige Tier mit aufs Bild zu bekommen. Doch diese war nirgends zu sehen. Lillian knipste zwei Bilder ohne die Ratte und überlegte, wie sie das Tier anlocken konnte. Da hörte sie wie eine Dose links hinter ihr über den Weg kullerte. Erschrocken fuhr sie herum und entdeckte die gesuchte, oder eine andere, Ratte. Ganz vorsichtig schlich sie näher und hob die Kamera. Auf einmal bemerkte sie in den Augenwinkel, wie plötzlich ein Schatten am anderen Ende der Gasse – dem einzigen Weg zurück zur Hauptstraße – aus dem Nichts auftauchte.

Ihr Herz schlug wie wild. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie hatte sich in ihrer Heimatstadt immer sicher und behütet gefühlt, es war nie etwas passiert und Kriminalität gab es kaum. Lillian versuchte sich zu beruhigen, vielleicht war das nur ein Passant, der etwas gehört hatte. „Hallo?“ rief sie etwas zittrig. Der Schatten rührte sich nicht. Erkennen konnte sie wenig, da sie durch die Laterne hinter ihm geblendet wurde. „Hallo, wer ist da?“ Wieder nichts. Warum stand er denn einfach nur dort rum und starrte sie an. Er starrte sie doch an, oder? Allmählich wütend geworden, ging sie einige Schritte auf ihn zu. „Bist du taub oder was? Kann ich dir vielleicht helfen?“ Ihre Augen blitzten. Da er sich nicht bewegte und keine Anstalten machte, sie zu bedrängen, ging Lillian weiter auf ihn zu. Angriff ist oft die beste Verteidigung, machte sie sich Mut und stand nach zwei weiteren Schritten vor ihm. Der Fremde war ein Junge in ihrem Alter. Zumindest was sein Aussehen betraf. Ein Blick in seine Augen ließ aber einen anderen Schluss zu. Sie wirkten uralt und er sah sie aus diesen grauen finsteren Augen mitleidig an. „Was ist denn los? Hab ich dir was getan? Was guckst du denn so?“ mittlerweile war sie ziemlich aufgebracht. Der Typ war ihr unheimlich.

Er kniff die Augen leicht zusammen und raunte „Wenn ich du wäre, würde ich die Finger von ihm lassen. Er ist schon jemand anderem versprochen.“ Dann drehte er sich um und ging davon.

Hä? Was war denn jetzt gerade passiert? Nach wie vor hob und senke sich ihr Brustkorb in tiefen Zügen. Nur weil sie cool tat, konnte sie ihre Aufregung kaum noch verbergen. Das war ja grad merkwürdig. In dem Moment fiel ihr erst ein, dass sie von ihm ein Foto hätte machen können. Sie wusste zwar nicht, was ihr das genützt hatte, aber so unheimlich wie der Typ war, hätte das sicher nicht schaden können.

Lillian wurde sich bewusst, dass sie immer noch in der Gasse stand und flüchtete schleunigst auf die erleuchtete Straße. So schnell es ging, lief sie nach Hause, an besondere Aufnahmen war nun nicht mehr zu denken. Ohne groß zu überlegen, lief sie, bis sie ihre Haustür aufschloss und machte erst Halt, als sie in den vertrauten vier Wänden ihres Zimmers stand. Die Kamera legte sie achtlos auf den Schreibtisch, zog Schuhe und Jacke aus und legte sich unter ihre Bettdecke. Dort kuschelte sie sich so fest, wie es nur möglich war, ein, schloss ganz fest die Augen und hoffte, dass sich ihr Herzschlag endlich normalisierte. Was für eine verrückte Woche das doch war. Und dabei hatte sie nicht mal die Hälfte hinter sich.

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Hast du die vorherigen Kapitel verpasst? –> hier gehts lang:

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

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5 Kommentare zu ““Daydreams – true or false” #Kapitel 4

  1. Wow, schon ohne Lesen fasziniert vom Umfang…

    Und mit dem Lesen… ja, jetzt wird’s spannend… Aber Madame fängt ja auch wieder so an, wie alle anderen Teenie-Heldinnen: „Ich muss ja was erzählen, aber ich erzähls lieber doch nicht, denn die behandeln mich dann alle doof“, usw… Und am Ende kommt dann wieder raus, dass es von Anfang an besser gewesen wäre, wenn sie ihren Freundinnen gleich reinen Wein eingeschenkt
    hätte.

    Aber sonst schön geschrieben, freu mich auf mehr!

    • Wo du recht hast 😉 Aber vielleicht wird ja deine Heldin nicht so ein kleines nerviges unreifes Mädchen. Was nicht heißen soll, dass diese Heldinnen nicht auch ihren Charme haben.

      • Hihi, da ich damals eine Zeilenanzahlvorgabe hatte, war es am Ende dann recht gestaut und holterdipolter. Werde die letzten Kapitel dann sukzessive umschreiben und dann schauen wir noch mal, ob meine Heldin die Chance zur Weiterentwicklung hat!

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